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NWZonline.de Ratgeber Reise

Schlafende Schönheit

01.12.2018

Plowdiw Europas Kulturhauptstadt 2019 Wenn im nächsten Frühling die Bäume wieder grünen, wird sich endlich wieder dichtes Blattwerk vor die maroden Betonkästen legen und die Tristesse verdecken. Plowdiw im Süden Bulgariens unterscheidet sich an seinen Rändern wenig von anderen sozialistischen Einheitsstädten. Im Inneren erweist es sich als eine der ältesten Städte Europas. 2019 wird es, neben Matera, eine der zwei Kulturhauptstädte Europas sein.

Dafür hat sich Kapana, das alte Handwerkerviertel im Herzen der Stadt, ganz besonders in Schale geworfen: Seine grauen Fassaden schminkt Graffitikünstler Stern mit salonfähiger Street Art, freundlich fauchenden Krokodilen und neckischen Monstern.

Mittendrin hockt Temenuzhka mit ihren Freunden vor ihrem Laden. „Ich hoffe, dass die Kulturhauptstadt uns viele Kunden bringt“, sagt sie und blickt auf den Zierrat in ihrem Schaufenster. Aus gerollten und geleimten Prospektstreifen gestaltet sie Katzen, Schmuck und Lampenschirme. Bis vor wenigen Jahren war das historische Quartier Kapana aufgegeben, dann möbelte die Kommune es auf, als Bindeglied zwischen Altstadt und zentraler Einkaufszone.

Einen kleinen Spaziergang weiter in Richtung Innenstadt steht Kristofer Kem in einer der längsten Fußgängerzonen Europas. Schwarzes Sakko, rote Schleife, wilde Mähne. Der Mann spielt ein selbst arrangiertes Capriccio auf seiner Geige, dahinter steht in großen bunten Buchstaben: „Plovdiv together 2019“, das Motto der künftigen Kulturhauptstadt Europas.

Unter der lebhaften Fußgängerzone mit erstaunlich wenigen Ladenketten verbirgt sich das 180 Meter lange römische Stadion aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus. In vielen Geschäften ist es durch Glasböden hindurch sichtbar. Die Reste römischer Monumentalbauten sowie christliche, jüdische und muslimische Gotteshäuser erzählen die Geschichte der uralten, auf drei Hügeln erbauten Messestadt, die heute mit etwa 330 000 Einwohnern die zweitgrößte Metropole Bulgariens ist.

Eingebettet in die thrakische Ebene an der Kreuzung großer Handelswege reicht Plowdiws Historie von prähistorischer Besiedlung bis hin zur bulgarischen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert. Über allem thront die „schlafende Schönheit“, wie die museale Altstadt genannt wird. Vorbei an pittoresken Hotels gelangt man zu den bunt bemalten Trutzvillen der Händlerfamilien, deren bekannteste das Balabanov-Haus ist. Hinter dicken Mauern leiten idyllische Gärten zu prunkvollen Anwesen.

Das römische Theater muss den Vergleich mit anderen antiken Architekturdiven nicht scheuen. Mit seinen einst 7000 Sitzen und der Aussicht auf den Gebirgszug der Rhodopen dient es jeden Sommer und besonders 2019 als Kulisse für Opern- und Konzertfestivals.

Doch für die Bewerbung Plowdiws als Kulturhauptstadt Europas waren nicht allein die historischen Stätten ausschlaggebend. Die Präsentationsmappe verzeichnete viele aktuelle, auch soziale Projekte, mit denen die Stadt um den Titel rang. Viele der großen Pläne sind Träume geblieben – wie die Sanierung des Kinos Kosmos, ein Filmpalast von Anfang der 1960er Jahre. Noch gleicht der 900 Besucher fassende Saal einer abrissreifen Betonruine. Bis zum Beginn des Festjahres soll eigentlich ein Kulturzen­trum entstehen.

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