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NWZonline.de Ratgeber Reise

Deutschland: Reise auf den Spuren des Reformators

17.06.2017

Wittenberg /Erfurt Es ist ein unscheinbarer Stein. Ein älterer Herr liest gebeugt die Inschrift: „Hilf du St. Anna, ich will ein Mönch werden.“ Ob der Mann weiß, was hier geschah? Am 2. Juli 1505 gerät Martin Luther auf dem Rückweg von seinen Eltern in Mansfeld in ein heftiges Gewitter. Von Blitz und Donner zu Tode geängstigt, legt er das heute in Stein verewigte Gelübde ab, das seinen weiteren Werdegang bestimmt und die Weltgeschichte verändert. Zwölf Tage später tritt er in das Augustinerkloster in Erfurt ein.

Der Stotternheimer Luther-Stein ist ein kleiner Geheimtipp für Reformationstouristen im großen Jubiläumsjahr 2017, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag zu Wittenberg am 31. Oktober 1517. Nur braucht es Vorstellungskraft, um der Historie nachzuspüren.

Das gilt auch, wenn man vor der Taufkirche Luthers St.-Petri-Pauli in Luthers Geburtsort Eisleben im heutigen Sachsen-Anhalt steht. Das Original-Gebäude, in das Luthers Vater mit dem frisch geborenen Martin im November 1483 eilte, steht nicht mehr – bis auf einen Teil der alten Turmkapelle. Immerhin ist noch der Taufstein Luthers in der heutigen Kirche erhalten, auch wenn er nach Auskunft von Pfarrerin Simone Carstens-Kant Anfang des 19. Jahrhunderts neu aufgebaut wurde.

34 Jahre nach seiner Taufe tut Luther nicht nur aus Sicht des Papstes in Rom etwas Unerhörtes, das zu seiner Exkommunikation und Ächtung führt. Er veröffentlicht seine berühmten 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Hat er sie ans Nordportal der Schlosskirche in Wittenberg geschlagen, wo Luther als Theologieprofessor lehrt?

„Hier war das Schwarze Brett der Uni“, sagt Stadtführerin Annett Schulz vor der zwei Tonnen schweren bronzenen Thesentür, die erst im 19. Jahrhundert gefertigt wurde. „Wenn er etwas angeschlagen hat, werden es Plakate oder Zettel gewesen sein als Grundlage einer Disputation unter Unikollegen.“

Der Luthertourismus boomt im Jubiläumsjahr. Unterwegs sind Pilger, die einmal dort sein wollen, wo der Reformator wirkte. „Seit 1655 wird die Wittenberger Lutherstube Reisenden gezeigt“, sagt Benjamin Hasselhorn vom Lutherhaus in Wittenberg.

Die Wittenberger Stube ist wohl der authentischste aller Lutherorte, original ist die hölzerne Wandvertäfelung, weitestgehend auch der Tisch. Nur der äußere Rahmen musste erneuert werden, weil Reliquienjäger ab dem 18. Jahrhundert Span um Span raubten. „Man glaubte, Holz aus der Lutherstube helfe gegen Zahnschmerzen“, sagt Hasselhorn. Die wohl prominenteste Signatur stammt vom russischen Zar Peter dem Großen, der 1712 seinen Namen mit Kreide an die Tür zur Stube setzte. Noch heute ist sie erhalten.

Anders ist es an vielen anderen Lutherorten. Die Stube im Geburtshaus in Eisleben ist so eingerichtet, wie sie damals wohl eingerichtet war – aber wie das ganze Haus nicht original. Das Sterbehaus? Ist nicht das Sterbehaus, wenngleich sich das Museum mit einer Nachbildung von Luthers Totenmaske offiziell so nennt.

Auch die Wartburg bei Eisenach, wo Luther als Junker Jörg in Ritterkleidung getarnt weilte und das Neue Testament in allgemeinverständliches Deutsch übertrug, kann sich in diesem Jahr kaum vor Besuchern retten. Klassiker ist die dortige Lutherstube, wo Luther an seiner Übersetzung arbeitete. Begraben liegt Luther wie sein Weggefährte Philipp Melanchthon unter einer Steinplatte vor den Kirchbänken in der Wittenberger Schlosskirche. Bei der Restaurierung der Kirche 1892 sei das Grab untersucht worden, sagt Hasselhorn.

Heute verkaufen Museumsshops und Souvenirläden Luther-Socken oder Luther-Quietscheenten. Im Lu-therhaus Wittenbergs aber liegt ein unverkäufliches Einzelstück – ein Griff vom Luthers Sarg.

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