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NWZonline.de Ratgeber Reise

Kroatien: Raus aus der postindustriellen Melancholie

21.12.2019

Rijeka Am Kai ragen die Kräne wie rostige Gräten in den grauen Himmel, dahinter verlaufen alte Schienenstränge. Ab und an rattert ein Containerzug vorbei, entlang an alten Fabriken und stillgelegten Werften. Kroatiens drittgrößte Stadt hat bessere Zeiten gesehen. Doch jetzt soll Schluss sein mit der postindustriellen Melancholie: Rijeka ist Europäische Kulturhauptstadt 2020.

Das Motto „Hafen der Vielfalt“ steht für neues Leben an der Kvarner Bucht, wo Industriebrachen sich in Kulturzen­tren verwandeln sollen. Zum Beispiel die ehemalige Holzlagerhalle Exportdrvo, die schon jetzt als Konzertsaal dient. Betoncharme und bunte Graffiti haben ihren Reiz. Die Halle wird 2020 ein Hotspot für Ausstellungen, Filme und Musik sein. Wenn alles nach Plan läuft, sollen die Besucher dann per Seilbahn von der hoch gelegenen Burg Trsat herbeisausen.

Ganz real und jetzt schon abenteuerlich dümpelt nahe der Lagerhalle ein rostzerfressenes Geisterschiff vor sich hin. Es ist die sagenumwobene „Galeb“ (Möwe) des ehemaligen Staatschefs von Ex-Jugoslawien Josip Broz Tito.

1938 ursprünglich als Bananenhandelsschiff gebaut, 1944 als Minenleger versenkt, lag das Schiff viele Jahr auf dem Meeresgrund, bevor Tito es schließlich 1952 zu seiner maritimen Staatslimousine erkor, erklärt Historikerin und Projektleiterin Natasa Babic. Heute tropft von den Decken das Wasser. Bis Ende 2020 soll aus der Ruine ein Museumsschiff werden. Ein Hotel mit Restaurant soll auf und unter Deck für schwarze Zahlen sorgen.

Wenige hundert Meter von der Schiffsruine und den Krangerippen entfernt lockt die Flaniermeile Korzo. Vanillegelbe Prachtfassaden getupft mit weißem Schlagobersornament erinnern an die Zeit der österreichischen k.u.k.-Monarchie. „Wir treffen uns an der Uhr“, am Stadtturm, ist hier ein geflügeltes Wort – und Auftakt zum Flanieren auf Rijekas Freiluft-Laufsteg.

In der Caffè Bar Filodrammatica nippt die Jugend unter zehn bombastischen Kristall-lüstern am Latte macchiato. Man bestaunt die Opulenz – bis der Blick auf einen Durchgang fällt: Da stapeln sich Leihbücher, reihen sich die Regale der Stadtbibliothek aneinander. Von hier treten ältere Damen mit Weltliteratur unterm Arm ins Café.

Trotz des Pomps ist es ein klassenloser Ort, zugleich ein Bilderbuch kroatischer Geschichte, zwischen den Jahrhunderten österreichischer, ungarischer, italienischer und jugoslawischer Vorherrschaft. Nur sich selbst gehörten die Kroaten selten.

Auch den industriellen Reichtum sahnten oft auswärtige Fabrikanten ab. Trotzdem boomte Rijeka im 19. Jahrhundert, zählte zu den größten Häfen Europas. Der Aufstieg wäre ohne das Delta der Rjecina, das in die Adria mündet, nicht möglich gewesen.

„Sweet and Salt“ hat Morana Matkovic vom Kulturhauptstadtkomitee folgerichtig ihr Projekt genannt, mit dem sie die alten Lebensadern zurück ins städtische Bewusstsein holen will. Gemeint sind sich vermischendes Süß- und Salzwasser. Entlang des Wasserweges werden begehbare Gärten die Hochhausdächer begrünen, im Verkehrsgetümmel ein Pavillon zur Meditation einladen.

Das Unfertige, das Authentische, das Gegenbild zu den Hochburgen Opatija und Krk ist Rijekas schräger Schatz. Dazu passt ihr einziges Museum von Weltrang, 300 Quadratmeter klein. Es widmet sich alten Computern. „Schauen Sie ins Internet“, sagt Gründer Svetozar Nilovic (48). „Das Peek&Poke ist die Nummer-eins-Attraktion in Rijeka.“ Der Commodore 128 war vor zwölf Jahren Nilovics Auftakt zu einer mehr als 1000 Objekte zählenden Sammlung.

Taschenrechner der ersten Generation und eine grotesk große Festplatte von 1980 zählen dazu. Die Besucher dürfen sich an den Objekten austoben: anfassen und spielen ausdrücklich erlaubt.

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