San Juan - „Reicher Hafen“ heißt die smaragdgrüne Antilleninsel Puerto Rico auf Spanisch. Viele begehrten das Karibik-Kleinod in seiner nicht immer friedlichen Geschichte. Heute fasziniert ein kultureller Mix.
Es dämmert über Fajardo am Nordostzipfel von Puerto Rico als die Kajak-Kolonne vom Sandstrand ablegt und in den düsteren Mangrovenwald gleitet. „Immer schön hintereinander“, tönt Tourguide Noel Cruz von weit, weit vorn. So ein Paddelprofi hat gut rufen. Schmal und kurvig ist der zwei Kilometer lange Kanal zur Laguna Grande. In der starken Strömung rumpeln die roten Plastikboote lustig zusammen und verfangen sich im Dschungel kniedicker Uferwurzeln. Schrill schimpfend fliegt ein weißer Reiher auf, als die Karawane aus dem dichten Blättertunnel endlich in die große Lagune einbiegt. Blass flimmern erste Sterne.
Leuchtende Lagune
Auch im dunklen Wasser blitzen grünblaue Galaxien auf, wenn man die Hände eintaucht und mikroskopisch kleine Geißeltierchen ordentlich aufmischt: Zu Milliarden leben sie in dieser gut geschützten Bucht. Dinoflagellaten glimmen wie Glühwürmchen der Meere. Bei mechanischer Stimulation geben sie ein wundersames biologisches Neonlicht ab.
Isla del Encanto nennen die spanisch sprechenden Einheimischen ihre Heimat stolz. Und wirklich scheint auf dieser Insel ein natürlicher „Zauber“ zu liegen mit ihren leuchtenden Lagunen, märchenhaften Stränden und den Baumriesen im El Yunque-Regenwald. Dort leben Zwergfrösche so klein wie ein Daumennagel.
„Reicher Hafen“ begehrt
Die geballte Charmeattacke ist zugleich Verhängnis. Puerto Rico heißt zu Recht „reicher Hafen“. Konquistador Juan Ponce de Léon und sein Chef Christoph Kolumbus beschlagnahmten das Eiland 1493 für die kastilische Krone. Bedrängt von kriegerischen Karibenstämmen hofften die lokalen Taínos auf Verstärkung und empfingen die Fremden mit offenen Armen. Doch Zwangsarbeit und eingeschleppte Krankheiten beschleunigten ihren Untergang.
Im archäologischen Freilichtmuseum Centro Ceremonial Indígena sind ihre struppigen Strohhütten nachgebaut. Lehnworte wie Hurrikan, Kanu und Mais blieben von den Ureinwohnern übrig. Ungerührt importierten die Kolonialherren fortan aus Westafrika frische Arbeitskräfte für ihre florierenden Plantagen – Tabak, Kaffee und Zuckerrohr. Aus dessen Restprodukt Melasse wurde bald kostbarer Rum produziert. Heute betreibt die Bacardí-Familie hier die weltgrößte Destillerie. Lokalfavorit bleibt jedoch Don Q-Rum aus der Serrallés Brennerei an der Südküste in Ponce.
Proviantstopp, Handelsplatz, Militärstützpunkt und Trophäe – ihre Schatzinsel schützten die Spanier mit mächtigen Steinfestungen wie dem 1539 begonnenen Castillo San Felipe del Morro. Auf sechs Stockwerke wuchs das Fort über die nächsten 250 Jahre mit meterdicken Mauern, runden Wachhäuschen, Leuchtturm und einem wirren Labyrinth von Tunneln, Kasematten und Kasernen.
Bunte Altstadt
Heute ist die Zitadelle Unesco-Weltkulturerbe und mit US-Dollars sorgfältig restauriertes Nationaldenkmal. Als Kriegsverlierer mussten die Spanier ihre Insel 1899 herausrücken. Seither ist Puerto Rico ein US-Außenterritorium.
Dank amerikanischer Fördermittel ist das relativ reiche Puerto Rico ein sicheres Reiseziel mit guter Infrastruktur in einer oft instabilen Region. Trotzdem sind die Menschen hier ärmer als auf dem Festland. Ohne nationales Wahlrecht fühlen sich viele Puerto Ricaner besonders bei mangelhafter Hilfe während Naturkatastrophen wie Wirbelsturm Maria 2017 als US-Staatsbürger zweiter Klasse.
Schatten verweilen nicht lang unter heiterem Tropenhimmel. Karibische Leichtigkeit verschmolz mit spanischem Erbe und amerikanischer Moderne zu einer einzigartigen kulturellen Identität – wohl nirgends besser verkörpert als in Viejo San Juan, einem Altstadtviertel wie aus dem Bilderbuch. In Bonbonfarben sind die Putzfassaden der zweistöckigen Reihenhäuser im Kolonialstil angemalt, mit weißen Fensterrahmen und eisernen Straßenlaternen.
Quirlige Plätze
1521 gegründet, ist San Juan die älteste Stadt der USA. Eigentlich findet fast jedes Wochenende auf der lebensfrohen Insel eine Party statt – ein Karnevalsumzug in Ponce, ein Ananasfest in La Parguera, die Maskenparade für Schutzpatron Santiago Apóstol in Loíza. Wegen der Coronapandemie beschränkt sich die Geburtstagsfeier erst auf geführte Gratis-Rundgänge durch 500 Jahre lebendige Geschichte: An der zwölf Meter hohen Stadtmauer El Muralla entlang und durch das einzig noch erhaltene Tor La Puerta de San Juan hindurch.
An der für eine Wunderrettung erbauten barocken Christus-Kapelle mit kleinem Turm und großem Kreuz tragen flatternde Tauben Dankgebete himmelwärts. Straßenmusiker spielen Gitarre auf den Treppen der mittelalterlichen Catedral de San Juan. Doch das Herz der Stadt schlägt auf den quirligen Plätzen wie dem Plaza de Armas mit dem vanillefarbenen Rathaus, Marmorbrunnen, den Straßencafés und vielen Restaurants.
Heimat der Piña Colada
Fast alle servieren das geheime Nationalgericht Mofongo, ein kulinarisches Allerlei aus Taíno, spanischen und afrikanischen Zutaten. Die frittierten grünen Kochbananen zerstampft man hier selber in einem groben Holzmörser. Dazu gibt es natürlich eine Piña Colada aus Kokosmilch, Sahne, Ananassaft und Rum. Seit über 50 Jahren streitet das Hotel „Caribe Hilton“ mit dem Restaurant Barrachina, an wessen Bar der Kult-Cocktail nun erfunden wurde. Am besten probiert man beide aus.
Am Wochenende schwappt Livemusik aus Bars und Clubs bis auf die Straßen. Tagsüber noch braver Marktplatz mit unscheinbaren Obst- und Gemüseständen, verwandelt sich La Placita de Santurce nachts in eine hippe Freiluft-Disco. Eine weitere, musikalische Facette der Insel.
Klima und Reisezeit: Das Klima in Puerto Rico ist warm, feucht und tropisch. Hauptreisezeit ist von Dezember bis März.
Übernachtung: Im Großraum San Juan säumen Hotelburgen amerikanischer Ketten – oft mit Spielkasinos – in vielen Preisklassen besonders die Nordküste zwischen Flughafen und Altstadt. In Old San Juan sind einige historische Kolonialgebäude zu Herbergen umgebaut. Weitläufige Luxusresorts gibt es meist außerhalb der Metropole. Das lokale Fremdenverkehrsamt führt außerdem eine inselweite Liste von Paradores, kleineren Gasthäusern im Familienbetrieb.
Informationen: Discover Puerto Rico c/o Lieb Management, Bavariaring 38, 80336 München,
