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NWZonline.de Ratgeber Reise

Der eisige Wind kommt immer von vorn

14.12.2019

Sønderho An diesem eisigen Wintermorgen ist der Himmel ein einziges großes Grau. Frost. Am Strand von Sønderho im Süden von Fanø lässt sich niemand blicken. Der Wind weht über die Dünenkette, vor der sich das Wattenmeer scheinbar endlos ausbreitet.

Gemütlich ist es nicht gerade. Dabei gilt Fanø, die kleine Insel vor der jütländische Westküste mit ihren rund 3400 Menschen als besonders hyggelig – wenn nicht gar als Inbegriff dänischer Behaglichkeit.

Doch bei diesen Temperaturen ist von Hygge nichts zu merken, jedenfalls nicht, wenn der Wind von vorn kommt. Helen Dörte Mähler ist das gewohnt. Die 37-Jährige trägt einen Schneeanzug und macht am Strand ein, zwei vorsichtige Schritte nach vorn. Im Wattenmeer vor Fanøs Küste ist Ebbe, die Nordsee hat sich weit zurückgezogen. Den Wattboden bedeckt eine dünne Eisschicht.

Mähler kennt das Watt gut, auch im Winter. Nach ein paar Minuten läuft es sich auf dem Eis wie sonst auf dem Schlickboden. Mähler macht regelmäßig Führungen auf ihrer Insel, bei gutem Wetter bis zu der Sandbank, auf der sich Seehunde und Kegelrobben von ihren Beutezügen in der Nordsee ausruhen. Aber an diesem Wintermorgen ist sie leer. Das Wattenmeer scheint sich am Horizont zu verlieren.

Liebe zum Detail

Helen Dörte Mähler stammt aus der Nähe von Hamburg. Sie wohnt mit ihrer Familie seit mehr als vier Jahren in Sønderho in einem Reetdachhaus. Davon gibt es dort ziemlich viele. Rund 75 stehen unter Denkmalschutz. Das Dorf gilt als besonders hyggelig und wurde 2011 zum schönsten in ganz Dänemark gewählt.

In Sønderhos erstaunlich großer Kirche aus dem späten 18. Jahrhundert hängen 15 Schiffsmodelle, die meisten von Seeleuten mit großem Aufwand und viel Liebe zum Detail gebaut. Vom alten Hafen am Ortsrand des Dorfes ist allerdings nichts mehr zu sehen, er ist versandet.

Auf Fanøs Westseite erstreckt sich der rund 15 Kilometer lange Strand – der Hauptgrund, warum die Insel bei Touristen so beliebt ist und warum Fanø das erste Kurbad Dänemarks hatte.

Fanø war in der dänischen Schifffahrtsgeschichte mal eine große Nummer: Die Insel hatte die zweitgrößte Flotte nach Kopenhagen und Sønderho fast dreimal so viele Einwohner wie heute. Schon damals war der „Sønderho Kro“ eine der ersten Adressen der Insel, eines der ältesten Gasthäuser Dänemarks, erbaut 1722.

Auch wenn es draußen schüttet, der Wind pfeift und es am frühen Abend längst stockdunkel ist, sitzen dort die Gäste in der Stube mit der tiefen Holzdecke und den holländischen Fliesen an den Wänden. Das Gefühl der Geborgenheit, das Wissen, dass als nächster Gang Milchreis serviert wird, wie das in Dänemark typisch für die Weihnachtszeit ist: Vielleicht ist das der Inbegriff von Hygge.

Lone Müller Sigaard sitzt in der Küche ihres hyggeligen Hauses, das vom Fähranleger nur fünf Minuten entfernt ist. Am Nachmittag hat sie genäht, eine Jacke, wie sie zur Tracht der Insel gehört.

Nähen ist für Lone Müller Sigaard etwas Typisches für die kalte Jahreszeit. Um zu lernen, wie das geht, hat die Inselbewohnerin an einem Trachtennähkurs teilgenommen. „Die Trachten gehören zu den besonderen Traditionen von Fanø, die hier nie ausgestorben sind. Ich mache auch für meine Tochter noch ein Kleid“, erzählt sie.

Heiraten im Dezember

Vielleicht macht es auch die Insel gerade für viele Deutsche so attraktiv, dass manches, was anderswo nur Folklore ist, hier noch authentisch wirkt – auch wenn im Alltag keine Frauen mehr in Tracht rumlaufen. Lone Müller Sigaard stammt von der Insel, hat aber 18 Jahre lang in Valencia und Kopenhagen gewohnt. Inzwischen lebt sie davon, dass viele andere Fanø genauso hyggelig finden wie sie. Und mit ihrer Hilfe auf der Insel heiraten wollen.

Rund 500 Paare reisen jedes Jahr zur Hochzeit auf Fanø an, viele davon aus Deutschland. „Hochsaison dafür ist von Mai bis September – und dann im Dezember“, sagt Lone Müller Sigaard. Warum bloß? „Dezember ist der Hygge-Monat.“ Im Winter sei dieses Gefühl von Gemütlichkeit und Geborgenheit noch viel intensiver zu spüren. Dieses Zusammenrücken, wenn es draußen kalt und dunkel ist. Klingt einleuchtend: Wer braucht schon Hygge im Hochsommer?

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