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NWZonline.de Ratgeber Reise

Frankreich: Straßburg abseits der Selfie-Spots

11.07.2020

Straßburg Es hilft nichts. Nicht der Ausweis als staatlich geprüfter Gästeführer, nicht der Verweis auf das Tourismusbüro. Die Pförtnerin im Palais du Rhin bleibt hart: „Pas de visites“, keine Besichtigungen. Das sei eine Anweisung von oben, sie mache hier nur ihre Arbeit. Doch Stadtführer Rodolphe Cattin ist nicht weniger stur, wenn es darum geht, Besuchern die Geschichte und Kunst der elsässischen Metropole Straßburg nahezubringen.

„Das ist immer noch ein Gebäude der Republik, Madame“, argumentiert er und darf schließlich seine Gäste zumindest bis an den Fuß der mächtigen Treppenstufen geleiten. Sie führten einst in die repräsentativen Empfangsräume und Gemächer des deutschen Kaisers. Der Rheinpalast, wie der ehemalige Kaiserpalast in Zeiten der Republik heißt, war im Ersten Weltkrieg auch mal Lazarett, später Kommandantur der Nationalsozialisten und schließlich der Befreier.

Geschichtsträchtig

So unterschiedlich der Zweck des markanten Kuppelbaus aus dem späten 19. Jahrhundert, so wechselvoll die deutsch-französische Geschichte – in der Neustadt liegt sie geradezu auf der Straße: Einerseits geradlinige Prachtavenuen und freie Plätze nach Pariser Vorbild, andererseits protzige wilhelminische Architektur, mit der das Kaiserreich seinen Machtanspruch demonstrierte.

Die neue Hauptstadt des Reichslandes Elsass-Lothringen sollte zu einem Schaufenster werden, erklärt Rodolphe Cattin. „Man wollte ganz Europa zeigen, was die Preußen können.“ Das sorgte damals für viel Wut und Empörung. Heute lässt das „imperiale deutsche Stadtviertel“ mit Welterbe-Status die meisten Touristen kalt, die sich lieber in der Altstadt mit dem berühmten Münster und den pittoresken Fachwerkhäusern im ehemaligen Gerberviertel Klein-Frankreich drängen.

„Letzte Woche hatte ich nur vier Besucher, das ist eine Katastrophe“, findet der Kunsthistoriker. „Als die Neustadt unter Unesco-Schutz kam, wurde viel Trafari gemacht. Jetzt ist der Plan wieder zusammengefallen.“ Trafari ist ein Jubelschrei auf Elsässisch und Rodolphe Cattin ein echter Lokalpatriot. Schon als Student hat er Touristen geführt, dann über 30 Jahre lang angehende Reiseleiter unterrichtet.

Im Pensionsalter zeigt er sich immer noch begeistert, wenn die Gäste mitdenken und mitentdecken: das Konterfei Wilhelm des Ersten im schmiedeeisernen Palastzaun etwa, oder einen Balkon im Jugendstil. All das bleibt den Touristen verborgen, die gerade auf einer Bootsrundtour vorbeischippern – die Ill fließt weit unterhalb der Neustadt. „Die Leute sehen gar nichts“, bedauert Cattin.

Zumindest haben viele Gäste in erster Linie ihr Handy und sich selbst im Blick: Schnell noch ein Selfie vor den Portalstatuen, dem Engelspfeiler oder der Astronomischen Uhr – und schon ist das Münster, Straßburgs Wahrzeichen, abgehakt.

Weiter zu den Fachwerkhäusern rund um die Kanäle und kurz das Maison de Tanneurs, das ehemalige Gerberhaus aus dem 16. Jahrhundert, digitalisieren, bevor eines der verschiedenen Sauerkrautgerichte bestellt wird: Gastronomie und Tourismus haben aus dem einst berüchtigten Viertel, das noch im 19. Jahrhundert streng nach faulem Wasser roch, ein beliebtes Postkartenmotiv gemacht. Mehr als die Hälfte der Besucher kommt eigens dafür, hat das Verkehrsamt ermittelt.

„Klein-Frankreich“

Warum es „La Petite France“ heißt, können allerdings nur wenige Besucher beantworten – die Namensherkunft ist etwas skurril: „80 Prozent der Gäste wissen nicht, dass im örtlichen Militärkrankenhaus Soldaten von der sogenannten Franzosenkrankheit, der Syphilis geheilt wurden“, sagt die angehende Journalistin Emeline Burckel, die dazu Touristen befragt hat. So sagten die Elsässer irgendwann „Klein-Frankreich“.

Burckel studiert in Paris, stammt aber aus Straßburg. Ihr Lieblingsviertel heißt Krutenau, zwischen Altstadt und Universität gelegen und als ehemaliges Sumpfgebiet wie „La Petite France“ vom Wasser geprägt: „Es ist ein sehr junges Viertel und gehört doch zum alten Straßburg“, sagt Burckel.

Die Studentin lobt die vielen Ausgehmöglichkeiten, die internationale Mischung aus Studierenden, Alteingesessenen und nicht ganz so vielen Touristen sowie die Umwandlung der vielbefahrenen Uferstraße am Quai des Bateliers, wo einst die Flussschiffer lagen, in eine Fußgängerzone. „Das ist ein schöner Treffpunkt geworden mit vielen Außenterrassen für die Lokale.“ Im Sommer kann man hier auch ohne Verzehrzwang mit Blick auf die Altstadt die Füße hochlegen.

Oder man läuft noch einen guten Kilometer weiter zum nächsten Wasserarm der Ill auf die Halbinsel André Malraux, wo vor 100 Jahren ein großes Industriegebiet mit Silos, Kränen und Lagergebäuden entstand, inzwischen aber Mediathek, Informationstechnik und Freizeitangebote dominieren. „Da trifft man garantiert keine Touristen“, verspricht Burckel.

Genau hier vorbei führt auch der Radausflug „du Port aux Deux-Rives“, den eine Tourismusbroschüre empfiehlt. Er verbindet Altstadtkanäle und Hafen (Port) mit dem großen Stadtplanungsprojekt Deux-Rives (Zwei Ufer). Letzteres sei vergleichbar mit der Stadterweiterung Hafencity in Hamburg, so Géraldine Amar, Sprecherin der Touristeninformation. „Die Stadt entwickelt sich immer mehr zum Rhein.“

Verbinden statt trennen: Dieses Motto findet Ausdruck in einer Straßenbahnlinie, die auf einer eigenen Brücke bis nach Kehl auf der deutschen Seite führt. Viele Straßburger nutzen sie für Einkäufe, Eisdielenbesuche und Erholung, fernab ihrer Altstadt.

Den unkomplizierten Grenzgang über den Rhein bietet auch der Garten der zwei Ufer, wo die empfohlene Radtour endet – obwohl sich die Weiterfahrt über die geschwungene Fußgängerbrücke mit eigenem Steg für Rad- und Rollstuhlfahrer durchaus lohnt: weiter auf dem Rhein-Radweg auf der deutschen Seite, zurück am Rhein-Rhone-Kanal und rund um das Stadtzentrum mit Europaparlament und Orangerie, dem größten und ältesten Park der Stadt.

„Straßburg ist eine absolute Fahrradstadt, flach, verkehrsberuhigt, grün“, sagt Amar. Da, wo die Stadt besonders grün ist, machen Europa und seine Parlamentarier im Sommer einfach mal blau.

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