Texel - Ein kleines Paradies, das von allem Schlechten verschont bleibt. Die holländische Nordseeinsel Texel ist für viele ein solches Paradies: eine bessere Welt im Meer, unbeeinflusst von Moden und Zeiten.
Die Watteninsel über der Nordspitze Hollands hat ihre Fans vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber natürlich nicht nur dort. Viele der alljährlich wiederkehrenden Texel-Urlauber kennen die Insel seit Kindertagen. In den 1960er Jahren war sie ihr erstes Ferienziel im Ausland, mittlerweile machen sie hier Urlaub mit ihren Enkeln.
Wie ein Holzklötzchen wirkt der weiße Turm der Kirche von Hoorn, den man schon von der Autofähre aus erkennt. Texel, eine Spielzeugwelt. Wenn im Frühjahr die vielen Tausend Lämmer auf den Weiden ihre Bocksprünge machen und dazu die Tulpen blühen, wirkt die Insel wie ein Idyll aus dem Bilderbuch.
Alles im Miniaturformat
Auf Texel gibt es alles, was man braucht, nur in Miniatur. So versprüht der größte Ort Den Burg ein Puls beschleunigendes Hauptstadtflair, vor allem montags, wenn dort Markt ist. Dann sind die Plätze unter dem uralten Kastanienbaum auf dem Hauptplatz heiß umkämpft. Wer einen ergattert hat, bestellt „koffie und appelgebak“.
Vom Kirchturm aus blickt man endlos weit über die roten Ziegeldächer der holländischen Häuschen und die dahinter liegenden Äcker und Felder bis zum Saum des Waldes. Dahinter ahnt man das Meer. Die relativ große Waldfläche unterscheidet Texel von anderen Watteninseln und macht den Südwesten der Insel zum landschaftlich abwechslungsreichsten Gebiet.
Am Waldrand liegt auch der Touristen-Hotspot De Koog. In den 1970er Jahren war er noch ein verträumter Ort, in dessen Souvenirläden man getrocknete Seesterne kaufen konnte. Immerhin, die Postkartenständer sind noch da. Aber die grell angestrichenen Restaurants und Bars gab es vor 50 Jahren noch nicht. Sonst aber ist das vertraute Idyll unangetastet. So viel Zeit, so viel Raum.
Eigentlich gibt es nur eine wirkliche Attraktion – das Naturkundemuseum Ecomare mit einer Auffangstation für Seehunde.
Anders als in den 1970er und 1980er Jahren, als die Seehundbestände aufgrund der Wasserverschmutzung zusammengeschmolzen waren, kann man die Tiere heute wieder in freier Wildbahn erleben. Vom Hafen Oudeschild an der Wattenmeerseite fahren in der Hauptsaison täglich mehrere Schiffe zu den Robbenbänken.
Kleine Entdeckungen
An warmen Sommertagen räkeln sich die Seehunde in der Sonne wie übergewichtige Strandurlauber, und die Kegelrobben tauchen neben dem Schiff auf und strecken ihre Nasen aus dem Wasser. Zwischendurch wird ein Stopp auf einer verlassenen Sandbank eingelegt. Dann können die Kinder im Schlick nach Krebsen und Wattwürmern suchen.
All das macht Texel zum idealen Urlaubsziel für Familien mit Kindern. Gerade der Umstand, dass es hier nicht zu viele Angebote gibt, ist von Vorteil. Man muss nirgendwo hinhetzen, weil man sonst vielleicht noch etwas verpasst. Stattdessen mietet man sich einfach ein paar Fahrräder und fährt auf den knirschenden Muschelpfaden mal hierhin, mal dorthin. Dabei stößt man immer wieder auf kleine Entdeckungen. Zum Beispiel das Café Het Turfveld mitten im zerzausten Kiefernwald am Dünenrand. Sehr zu empfehlen: Vanilleeis mit Erdbeeren.
Blütenmeer im Sommer
Lohnenswerte Ziele für Radtouren sind auch der Leuchtturm an der Nordspitze der Insel und das Naturgebiet De Slufter. Die Nordsee hat hier den Dünenring durchbrochen und eine Landschaft geschaffen, von der man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob sie dem Wasser oder dem Land zugehört. Im Juli und August wird De Slufter von blühendem Strandflieder lila gefärbt. Bei Herbststürmen in Verbindung mit Springflut verwandelt sich alles in eine kochende Wasserfläche. Das Gebiet ist wie weite Teile der Insel ein Vogelparadies.
Die Nordseeseite ist die wilde Seite der Insel, die Wattenseite die zahme, zivilisierte, ringsum von Deichen geschützt. Der Fahrradweg führt über die Kuppe des Deichs, sodass man auf der einen Seite über das bei Sonnenschein glitzernde Wattenmeer blickt und auf der anderen Seite über grüne Weiden mit den grasenden Schäflein.
Das Allerschönste an Texel ist der endlos lange und breite Strand an der Nordseeseite. Selbst an den heißesten Wochenenden zur Urlaubszeit findet hier jeder sein einsames Plätzchen. Natürlich: Gutes Wetter ist hier nicht garantiert, aber das macht nichts. Ein ausgedehntes Islandtief ist keine Hiobsbotschaft für Texel-Urlauber, denn dann funktioniert das Durchpusten am Strand umso zuverlässiger.
Der Wind treibt flirrenden Sand vor sich her, auf der Zunge liegt ein salziges Aroma. Dazu das ozeanische Tosen des Meeres, durchmischt von schrägen Schreien der Möwen und dem Piepen der Austernfischer.
Entspannte Welt
Abends liegen die Wellenbrecher im silbernen Schlick frei, Möwenhorden suchen nach Nahrung. Noch etwas später speisen kinderreiche Familien und hundebegeisterte Paare gemeinsam im Strandrestaurant Paal 17 bei De Koog. Nackte Füße auf Holzplanken, Besteck- und Tellergeklapper, leises Lachen, Gesprächsfetzen.
Nach dem Dessert klettert Opa mit den Enkeln zwischen dem Strandhafer auf die Düne. Die angewetzten Fahnen Hollands und der Eisreklamen flattern im Wind. Dahinter rollen, in ewiger Bewegung, die weiß bekrönten Wellen und Wogen. Im letzten Licht des Abends zieht am Horizont ein Containerschiff vorbei. Es gehört zu der anderen Welt weit da draußen. Texel hat damit nichts zu tun.
Anreise: Die Autofähre in Den Helder legt bis zu zweimal in der Stunde ab. An den Tagen des Ferienbeginns kann es dennoch zu Wartezeiten kommen.
Einreise: Vor Reisen in die Niederlande wird derzeit gewarnt, das Land ist Corona-Hochrisikogebiet. Vor der Rückkehr nach Deutschland müssen Reisende einen Corona-Test machen.
