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NWZonline.de Ratgeber Reise

Den Sitz der Götter immer im Blick

30.03.2019

Thessaloniki Steil steigt die Straße nach Paleos Panteleimon an. Die Küste verliert sich in der Ferne. Es riecht würzig, frisch. Steineichen drängen an den Fahrbahnrand, Edelkastanien, Büsche, Gräser, Farne, wilde Apfelbäume. In Sicht erhebt sich der Olymp, Griechenlands höchstes Gebirgsmassiv, der Sitz des göttlichen Übervaters Zeus. So will es der Sagenschatz.

Freundliche Gastgeber

Voraus tauchen stolze, ziegelgedeckte Anwesen auf. Das Bergdorf Paleos Panteleimon klebt an einem Hang. Dort ist Endstation am Parkplatz. In der Tiefe macht der Küstenverlauf lange Schwünge.

Paleos Panteleimon ist ein Gesamtkunstwerk aus Gassen, Steinhäusern und Holzbalkonen. Kleine Restaurants und Läden profitieren von der Vorzugslage und romantischen Stimmung, die nicht einmal aufgesetzt wirkt. Da werden Fremde noch freundlich gegrüßt. Das passt ins Bild der Olympischen Riviera, die zu Zentralmakedonien zählt und sich im Südwesten von Thessaloniki am Thermaischen Golf entlangzieht.

Als Marke im Tourismusgeschäft gewinnt die Olympische Riviera erst seit jüngerer Vergangenheit an Gewicht. Mehrheitlich gibt es familiengeführte Quartiere, Apartments, Ein- und Zwei-Sterne-Häuser. Für 35 bis 40 Euro bekommt man in Seenähe ein Doppelzimmer mit Frühstück. Sogar in der Hochsaison. Deckt man sich dienstags auf dem Bauernmarkt im Strandstädtchen Leptokarya günstig mit regionalen Produkten ein, ist das Glück vom Low-Budget-Urlaub perfekt.

Riviera – schwingt da nicht eigentlich der Klang einer elitären, abgehobenen Destination mit einem Hauch Snobismus? Nein. Die Landschaft verschandelnde Luxuskästen fehlen ebenso wie die Auswüchse eines trinkfreudigen Spektakeltourismus. Sieht man von den frequentierten Hauptorten Paralia und Olympic Beach ab, geht es allerorten authentisch zu. Ohne Schnörkel. Samt kleinen Schönheitsfehlern, die niemand kaschieren will.

„Zwischen der Küste und den höchsten Gipfeln des Olymps liegen nur 20 Kilometer Luftlinie“, sagt Berg- und Naturführer Savvas Vasileiadis (44). Er liebt Gebirgswelt des Olymp-Nationalparks. Sieht er im Sommerurlaub zehn Tage lang den Olymp nicht, befällt ihn schon Wehmut.

Dabei zieht es Vasileiadis nicht so sehr in die Gipfelregionen, die an der 3000-Meter-Marke kratzen, sondern in die Schlucht des Flusses Enipeas. „Das ist für mich das Herzstück des Nationalparks“, sagt der Grieche. „Hier spürst du Frieden und Wildnis zugleich und dass die Mythen der alten Griechen bis heute lebendig sind.“ Das unterstreicht er derart überzeugend, dass man bei der Wanderung vom historischen Bergkloster Agios Dionysios zum Doppel-Wasserfall des Enipeas meint, hinter einer Wegbiegung einer Muse zu begegnen.

Fruchtiger Wein

Zurück in der Wirklichkeit, steht im Kloster Agios Dionysios auf einmal Efraim da, ein orthodoxer Mönch mit schlohweißem Bilderbuchbart. In der Anlage, die im Zweiten Weltkrieg durch Nazitruppen zerstört wurde, hält er im Sommer als Einziger die Stellung. Efraim schätzt die Einsamkeit, die Askese, den Alltagsrhythmus, bei dem er um vier Uhr morgens mit seinen Gebeten beginnt. Dann sei der Geist noch frisch.

Fährt man durchs Hinterland, sind Olivenbäume die Dauerbegleiter. Dazu kommen Kiwi- und Kirschplantagen, Tabak- und Baumwollfelder, Rebgärten. Weingott Dionysos würde Station in der Kellerei Kourtis im 500-Einwohner-Ort Rachi machen, dazu allerdings Google Maps benötigen. Nirgendwo findet sich ein Hinweisschild auf das kleine Heiligtum, das weit und breit die besten Tropfen produziert. Der rote Oniros kann es mit jedem Bordeaux oder Rioja aufnehmen. Fruchtig, elegant, komplex.

Nach Feierabend öffnen Winzer Apostolos Kourtis, 45, und seine Frau Sofia Kiparissi, 33, gern ein Fläschchen. Apostolos beliefert Restaurants in Athen und Thessaloniki und einzelne Abnehmer sogar in Deutschland, doch die Dörfler kaufen lieber Fünf-Liter-Boxen Landwein bei ihm. Aus Kostengründen. Was zur Frage führt, wie es um Griechenlands ominöse Krise bestellt ist.

„Die Krise wird weiter fortbestehen“, sagt Kourtis. Das klingt nicht bitter. Eher fatalistisch. Oder realistisch. Mittendrin mag er als Beispiel dafür stehen, was sich mit Kreativität, Initiative und dem Glauben an sich selbst auf die Beine stellen lässt.

Grafik als PDF.

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