Travemünde - Nein, es kommt nicht alle Tage vor, dass wir bei einer Radtour kurz vor dem Ziel umkehren. Wir fassen diesen ungewöhnlichen Beschluss bei einem großen Stück Torte im „Café Tausendschön“ in Warnsdorf, einem kleinen Ort in Ostholstein, ein paar Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Nicht etwa, weil wir erschöpft, unzufrieden oder von großem sportlichen Ehrgeiz getrieben wären. Sondern weil die Strecke, die hinter uns liegt, so abwechslungsreich ist, dass wir sie gern noch ein zweites Mal radeln. Vor allem das Brodtener Steilufer hat es uns angetan. Doch der Reihe nach.
Stramm nach Norden
Travemünde, ein Samstagmorgen, kurz vor neun. Mit E-Bikes, deren Nutzen sich bald zeigen sollte, sausen wir über die barrierefreie Promenade. Sie ist fast menschenleer. Die Tür zum ältesten Leuchtturm Deutschlands ist noch verschlossen. Ein scharfer Knick an der Mündung der Trave, und schon geht es stramm nach Norden und am Ortsausgang von Travemünde geradewegs hinein in einen lichten Buchenwald. Bereits hier zeigt sich, dass wir gut beraten waren, E-Bikes zu leihen. Denn es geht erstmal bergauf. Der Weg schlängelt sich oberhalb der Steilküste entlang.
Wenn wir nicht gerade durch den Wald radeln, dann haben wir links Äcker oder Grünland und rechts einen freien Blick auf die Ostsee. Unterhalb der haushohen Steilküste, an der Wind und Wellen unablässig nagen, klettern Wanderer am Naturstrand über umgestürzte Bäume. Im oberen Drittel der Steilküste nisten, für uns unsichtbar, die Uferschwalben. Eigentlich könnten wir ständig stehenbleiben und auf einer der Holzbänke Platz nehmen, aber wir sind ja gerade erst losgefahren.
Niendorf hat zwei Zentren: die neue Seebrücke, deren Kopf aus der Luft betrachtet die Form eines Fisches hat, und den Hafen. Wer einfach nur sitzen und auf die Ostsee hinausschauen möchte, sollte Rast an der Seebrücke machen. Wer seinen Fisch lieber direkt beim Fischer kauft, radelt auf der Promenade noch einen Kilometer weiter. Am Hafen warten elf bunte Fischbuden auf Kundschaft. Der Dorsch ist „unser Brotfisch“, sagt Margitta Strümpell-Warnke, die in einer der Buden mit einem scharfen Messer gerade die Haut von einem Butt abzieht.
Hier holt sich auch Jens Häberle seinen Fisch. Häberle hat nach 16 Jahren in der Sterne-Gastronomie einen Kiosk am Hundestrand übernommen: die „Bude 8“. Sein Ziel: „eine vernünftige Küche, für jeden bezahlbar.“ Der Klassiker ist die Fischsuppe, „mit Fischfond, jeden Tag frisch, keine Chemie. Und nicht nur drei Stücke Fisch“. Sondern dicke Brocken, Lachs, Dorsch und Garnelen. Die Fischsuppe ist immer auf der Karte.
Den Niendorfer Vogelpark lassen wir links liegen, ein paar Störche in der Aalbeek-Niederung halten respektvoll Abstand. Sofort sind wir in einer ganz anderen Welt. War eben noch das Blau der Ostsee und des Himmels die vorherrschende Farbe, so ist es jetzt das Grün eines Waldes. Die Kronen der Erlen und Birken bilden ein schattiges Dach.
Nach gerade mal einem Kilometer stehen wir vor einem großen Holzturm und genießen 64 Stufen und zwölf Höhenmeter später den „Hermann-Löns-Blick“. Den Namensgeber wähnten wir eigentlich in der Heide, er fand jedoch offenbar auch Gefallen an Niendorf. Vor uns liegt der Hemmelsdorfer See, umgeben von einem Schilfgürtel, ein Refugium für die freie Vogelwelt. Der See ist fünf Kilometer lang und bis zu zwei breit. Und tief, sehr tief. 45 Meter, so steht es auf einer Tafel. Gemessen wurden gut 39 Meter. So oder so ist es der tiefste Festlandpunkt Deutschlands.
Bis zum nächsten Rekord sind es nur drei Kilometer. „Karls Erlebnis-Dorf“ in Warnsdorf gehört eigentlich den Kindern und ihren Eltern. Deshalb werfen wir auch nur kurz einen Blick in die Scheune, dort befindet sich ein Teil der weltgrößten Sammlung von Kaffeekannen. 27 390 waren es 2012, genug für einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde. Inzwischen sind es rund 40 000. Uns würde eine reichen, möglichst frisch gefüllt. Wir lassen das bunte Tohuwabohu hinter uns und kehren ein im „Café Tausendschön“ auf der anderen Straßenseite. Den Rest der Geschichte kennen Sie.
Ehrenrunde mit Fisch
Gegen Abend sind wir wieder in Travemünde. Zeit für einen zweiten Fisch. „Das Köstlich“ lautet der Tipp von ortskundigen Feinschmeckern. Der Backfisch mit Bratkartoffeln reicht für komplett ausgehungerte Seebären. Wenn es schneller gehen soll: Der Räucherfisch von Andreas Pommer ist ebenfalls eine Klasse für sich, Lachs und Wels, erst zwei Stunden eingelegt, dann sechs Stunden geräuchert. Der Fischkutter „Anke TRA4“ liegt im Hafenbecken gleich neben der Verkaufsbude, wie zum Beweis: Seht her, hier ist alles frisch.
Mit der Fähre setzen wir über auf den Priwall, eine Sache von zwei Minuten. Die Halbinsel lag lange Zeit an der Grenze zur DDR und damit im Dornröschenschlaf. Dort badeten die Lübecker. Urlauber verirrten sich hierher nur, weil dort seit Jahr und Tag auch die „Passat“ ankert, Deutschlands vielleicht bekannteste Viermastbark, stolze 115 Meter lang.
Derzeit entsteht auf dem Priwall eine ganz neue Ferienanlage, im nächste Jahr soll alles fertig sein.
