VENT - Bei jedem Schritt knarzt der gefrorene Schnee unter den Steigeisen. Die ersten Sonnenstrahlen streifen die Bergketten im Osten. Noch liegen die Täler im Schatten, dort wäre es bald Zeit für das Frühstück – stattdessen Aufstieg über die vergletscherte Westflanke des Similauns. Der Gipfel liegt auf 3599 Metern in den Wolken. Der Berg ist einer der leichteren Dreitausender unter den eisbedeckten Riesen des Ötztals.
Dom aus Fels
Im hinteren Ötztal liegen viele der imposantesten Dreitausender Österreichs. Die Ötztaler Alpen sind die flächenmäßig größte Gebirgsregion über 3000 Metern in den Ostalpen, und sie sind am stärksten vergletschert. Wer zum ersten Mal eine Hochtour machen will, findet optimale Bedingungen – und einen souveränen Lotsen.
Kilian Scheiber ist staatlich geprüfter Bergführer. Sein Büro liegt in Vent, aber dort hält sich der 45-Jährige selten auf. Die meiste Zeit ist er unterwegs auf Graten und Gletschern seiner Heimat. „Wir haben die meisten bekannten, hohen und attraktiven Gipfel in den Ostalpen“, erklärt Scheiber. „Die Weißkugel ist für mich die Königin der Ötztaler Alpen, ein traumhafter Berg“, sagt er. Sie ist kaum niedriger als die Wildspitze, zweithöchster Gipfel der Region.
Wer sich vom Hochjochhospiz aus, einer Hütte des Alpenvereins im Rofental, an eine Besteigung wagt, wird sein Hemd wenigstens einmal durchschwitzen, bis er dem Berg auch nur nahe kommt. Der Pfad führt von der Hütte in ein Hochtal. Im Gasthaus „Schöne Aussicht“ bietet sich nach zwei Stunden Fußmarsch ein kleines Frühstück an.
Danach wird es richtig steil. Endlose Serpentinen ziehen sich den Hang hinauf, die Sonne brennt im Nacken. Dann ist das felsige Joch erreicht, das endlich das Panorama der Weißkugel freigibt: Der Gipfelaufbau des Berges ragt wie ein Dom aus Fels in den Himmel. Weiter geht es zum Gletscher, dort wird angeseilt. Ab hier sind es noch einmal knapp zwei Stunden über Schnee und Eis, bis das Kreuz auf der Spitze erreicht ist. Drei Stunden dauert der Abstieg.
Ausgangspunkt für eine Gipfeltour auf die Hintere Schwärze ist die Martin-Busch-Hütte. Gegen 5 Uhr soll es losgehen. Ein Aufbruch vor Morgengrauen ist bei einer Hochtour immer klug: Wenn die Mittagsonne den Gletscher aufweicht, werden die Schneebrücken über den Spalten brüchig und Stürze wahrscheinlicher. Die Hintere Schwärze liegt nicht weit vom Similaun entfernt, aber der Aufstieg ist anspruchsvoller.
Die Spuren im Schnee führen steil in Richtung Gipfelgrat. Noch ein Aufschwung, dann blitzt das Kreuz in den Himmel. Von der Hinteren Schwärze sind die Ortler Alpen zu sehen, die mächtige Nordwand der Königsspitze, und im Westen die über 4000 Meter hohe Bernina-Gruppe: Schneeriesen am Horizont.
Früh aufstehen
Am Ende einer Tourenwoche lässt sich der Reiz, auf dem höchsten Berg in Tirol zu stehen, nicht mehr ignorieren. Die Wildspitze ist von so gut wie jedem hohen Gipfel im Umkreis zu sehen. Die Breslauer Hütte ist am Abend übervoll. Mehr als 200 Menschen haben ihre Lager bezogen. Es lohnt sich, vor allen anderen Bergsteigern aufzustehen. Am Mitterkarjoch folgt nach einer Stunde die Schlüsselstelle der Route: ein felsiger Aufschwung mit Klettersteig. Hier braucht der Bergsteiger Konzentration und Kraft in den Armen.
Das Firnbecken oberhalb des Jochs ist noch hartgefroren. Nicht mehr weit ist es über den Südwestgrat auf den Gipfel der Wildspitze. Oben noch ein paar Meter auf dem Grat balancieren, und das Ziel ist erreicht. Am Kreuz wird der Flachmann gezückt. Auf das gute Gefühl, diesen Ausblick zu genießen. Auf die Schönheit der Bergwelt. Und auf einen sicheren Abstieg.
