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NWZonline.de Ratgeber Reise

Wahrheit und Fiktion am Kilimandscharo

19.02.2011

NAIROBI Krächzendes Heulen und teuflisches Kichern – so klingen Hyänen, sie müssen direkt vor dem Zelt stehen. Aber dann geht das Geräusch in ein Lachen über. „Good Morning“, sagt eine Stimme. „Ihr Weckruf, der Tee steht bereit.“ Humor gehört im Camp am Fuße des Kilimandscharo ebenso zum Service wie der Sundowner. Es ist 6.30 Uhr, Zeit für die erste Pirschfahrt. Afrikas höchster Berg zeigt sich in ganzer Pracht, kaum 30 Stunden nach dem Abflug in Europa. Ernest Hemingway (1899–1961) musste darauf länger warten. Mehr als zwei Wochen brauchte der Schriftsteller für die Überfahrt von Marseille nach Mombasa.

Stoff für Legenden

Fast 80 Jahre ist es her, dass Hemingway zum ersten Mal nach Afrika aufbrach. Im Osten des Kontinents verbrachte er 1933 sowie 1953/54 insgesamt zehn Monate. Aus dieser Zeit stammen die Bücher „Die grünen Hügel Afrikas“ und „Die Wahrheit im Morgenlicht“ (posthum 1999). Mit „Schnee auf dem Kilimandscharo“ und „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“ spielen auch zwei Kurzgeschichten hier.

„Wir hatten Afrika noch nicht verlassen“, berichtete er später, „aber wenn ich nachts aufwachte, lag ich lauschend da, bereits voller Heimweh danach.“ Selbst das Erlebnis zweier Bruchlandungen innerhalb von 48 Stunden hatte Hemingways Begeisterung für Afrika kaum gedämpft.

Schon als er sich mit 34 zu seiner Großwildsafari aufmachte, hatte der Mann Kultstatus. Schließlich belieferte er die Welt nicht nur mit Literatur, sondern auch mit Stoff für Legenden über sein Leben.

In Oloitokitok an der Grenze zu Tansania müssen Hemingway-Fans nicht lange suchen. Jeder kennt hier Darshan Singh, der den „Bwana Ernest“ als Kind selbst erlebt hat. Sein Vater betrieb den „einzigen Laden diesseits des Kilimandscharo, wo es Bier und Whisky gab“, sagt er. „Ernest kam öfter vorbei“ und habe den Männern ordentlich einen ausgegeben. Darshans Augen funkeln listig. „Schließlich ging er mit einem Mädchen von hier ins Bett.“

Viele halten Hemingways afrikanische Geliebte für erfunden. Debba heißt das Mädchen aus dem Volk der Kamba in Hemingways nachgelassenem Afrika-Roman. Seine Frau Mary, die ihn auf der zweiten Safari begleitete, soll Augen und Ohren zugedrückt haben, wenn Debba ins Zelt kam.

Wahrheit oder Fiktion? „In Afrika“, schrieb Hemingway, „ist etwas im Morgenlicht wahr und mittags eine Lüge, und man gibt nicht mehr darauf als auf den reizenden, von hohem Gras gesäumten See am anderen Ende der sonnenversengten Salzebene. Man hatte diese Ebene am Vormittag durchquert, und man weiß, es gibt dort keinen solchen See.“ Doch das Mädchen habe es wirklich gegeben, schwört Darshan.

Donnerndes Wasser, schäumende Gischt, ein Regenbogen: Die Murchison Falls im Nordwesten Ugandas sind zwar längst nicht die tiefsten Wasserfälle Afrikas, aber sie sind enorm kraftvoll. Wer „African Queen“ mit Katharine Hepburn und Humphrey Bogart gesehen hat, der hat auch die Nilfälle unweit des Lake Albert gesehen. Diesen Schauplatz des Filmklassikers von John Houston wollte Mary unbedingt aus der Luft erleben. Am 21. Januar 1954 starteten die Hemingways in Nairobi, am Steuerknüppel der Cessna saß der erfahrene Roy Marsh.

Notlandung an Nilfällen

Von Costermansville aus, dem heutigen Bukavu, sollte es am 23. Januar 1954 über die Murchison Falls nach Entebbe gehen. „Doch dann passierte es“, erzählt Emmanuel Eyenga. Der Bootsführer hat seine Gäste zu einer Stelle bei den Fällen gebracht. Ein Pfahl mit einem Schild ragt aus dem Wasser. Darauf steht „P.B.M. 9026“. „Das war die Registriernummer der Cessna, hier ist sie runtergekommen.“

Beim Anflug auf die Nilfälle hatte Marsh die Telegrafenleitung der Lodge übersehen. Immerhin schaffte er eine Notlandung. Die Havarierten wurden Tage später von der „SS Murchison“ aufgenommen, das Boot brachte das Trio nach Butiaba am Albertsee. Dort stieß es auf den Piloten Reginald Cartwright, der Ernest, Mary und Roy überredete, mit ihm nach Entebbe zu fliegen. Doch Cartwright flog die Maschine schon beim Start zu Bruch, Hemingway konnte sich nur retten, indem er eine Tür mit dem Schädel aufbrach. Er erlitt Risse in Nieren, Milz und Leber, eine Quetschung des Rückenwirbels und Verbrennungen – aber er war dem Tod so knapp entkommen, wie es sich für einen Abenteurer gehört.

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