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NWZonline.de Ratgeber Reise

China: Weiß wie Jade und dünn wie Papier

04.05.2013

Jingdezhen Lin ist einer von etwa 100 Angestellten, die im Hutian Ancient Folk Kiln Museum unmittelbar vor den Toren der Stadt Jingdezhen arbeiten – ein schlaksiger Teenager von gerade mal 15 Jahren. Aber er wirkt sicher und flink an der Drehscheibe. Er sitzt auf einem schmalen Brett kurz über dem erdigen Boden und bringt den Stoff in die gewünschte Form, der später drüben im Laden als feines Porzellan mit klassischen Formen und Mustern verkauft wird.

Von den Töpfern geht es weiter zu den Malern, von Lin zu Sheng, einem der ältesten hier – und einem der berühmtesten. Sheng ist 83, ein dünner, grauhaariger Mann mit faltigem Gesicht, aber mit sicherer Hand.

Freilichtmuseum

Angefangen hat alles um das Jahr 900, als dort die ersten Porzellane entstanden. Im Jahr 1004 ernannte der Kaiser die Stadt zur Imperialen Porzellanmanufaktur, die nach dem Song-Kaiser Jingde Jingdezhen genannt wurde. Seither gilt sie als Geburts- und Hauptstadt des Porzellans. Blau wie der Himmel, weiß wie Jade, glänzend wie ein Spiegel und dünn wie Papier musste das Porzellan schon damals sein, um den kaiserlichen Ansprüchen zu genügen.

Seit 1982 gehört das Hutian Ancient Folk Kiln Museum zu den schützenswerten Denkmälern der Volksrepublik. Heute ist es ein Freilichtmuseum, die geziegelten Brennöfen sind gut restauriert und voll funktionsfähig. Eingerahmt von den Bergen, in denen Kaolin, Quarz und Feldspat für die Porzellanherstellung gewonnen werden, und umgeben von lichten Bambushainen sowie dichten Kiefernwäldern, ist das Museum inzwischen ein Magnet für Touristen aus dem ganzen Land. Langnasen verlaufen sich dagegen selten hierher. Wer in Deutschland kennt schon Jingdezhen, auch wenn die Stadt mit ihren gut 1,5 Millionen Einwohnern für deutsche Verhältnisse nicht gerade klein ist?

Laternen und Ampeln am Straßenrand in der ganzen Stadt haben Masten aus Porzellan, sogar Papierkörbe und Straßenschilder sind aus dem Material, alle mit klassischen Motiven von Landschaften, Bambus oder Pfirsichen bemalt. Auf einer Kreuzung prangt eine überdimensionale Porzellanvase, im Zen­trum wacht ein 20 Meter langer Porzellandrachen über die Stadt.

Eine Tour durch die Stadt führt zunächst zum Jingdezhen Museum of Porcelain, einem nüchternen, renovierungsbedürftigen Bau aus Vor-Wendezeiten. Mutterseelenallein schlendert eine kleine Besuchergruppe durch die Säle zu den Kostbarkeiten aus Song-, Yuan-, Ming-, Qing- und Maozeiten.

Ganz unter sich sind die Besucher auch im Jingdezhen Imperial Porcelain Museum, einer Pagode aus Mingzeiten am Ufer des Changflusses, die vor ein paar Jahren zum Museum für ausgegrabene Porzellane umfunktioniert wurde. Die Ausstellungsstücke stammen allesamt von den historischen Müllhalden der kaiserlichen Brennöfen, auf denen vor Jahrhunderten der Ausschuss der Manufakturen landete. Heute sind sie wahre Fundgruben, bringen kostbare Bruchstücke zu Tage, die mühsam wieder zusammengesetzt werden.

Entlang der Ming- und Quingstraße wird handgemachtes Porzellan in modernem Design und schrillen Farben präsentiert: zarte Teeschalen in Pink, Türkis und Gelb mit fein eingeritztem Muster, das Stück für rund 35 Euro.

Weltweit gefragt

Doch die Verkaufsverhandlungen gestalten sich schwierig. Niemand im Laden oder in der Nachbarschaft spricht englisch, niemand akzeptiert Kreditkarten. Dass Handarbeit aus Jingdezhen wieder rund um die Welt gefragt ist, verdeutlichen die Auftragslisten der Manufakturen, auf denen so bekannte Namen wie Disney, die Queen und die Familie Bush vertreten sind.

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