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NWZonline.de Ratgeber Reise

Deutschland: Knochenjob auf schwankenden Brettern

14.04.2018

Wolfratshausen Stamm um Stamm klatscht ins Wasser und wird von den Männern zu einem Floß zusammengebaut. So machen es die Flößer von Wolfratshausen heute, und so war es schon immer. 19 Tonnen bringt die schwimmende Insel am Ende auf die Waage. Wer das Tag für Tag macht, bei dem sitzt jeder Handgriff. „Fitnessstudio? Das brauchen wir nicht, hier ist unsere Muckibude“, sagen die beiden Flößer Jason Charles und Michelle Scollo.

Charles und Scollo arbeiten für Josef Seitner. Der ist 70 Jahre alt und Flößermeister in der vierten Generation, seit 1860 besteht der kleine Familienbetrieb. Zwischen dem 1. Mai und Mitte September bietet er täglich Floßfahrten für Touristen an.

Im Tölzer Land gehört er zu den Letzten einer traditionsreichen Zunft, deren Geschichte bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. „Im Testament der Grafen von Wolfratshausen wird das Zollrecht zu Wasser erwähnt. Das ist wohl der erste dokumentierte Hinweis auf die Flößerei im bayerischen Oberland“, erläutert Martin Melf beim Rundgang durch die Sonderschau zur Flößerei im örtlichen Heimatmuseum. Der 49-Jährige hat sich intensiv mit der Vergangenheit des Berufsstandes befasst.

Geschichte und viele Geschichten erfahren Besucher auch beim Rundgang auf dem Wolfratshausener Flößerpfad, drei Kilometer links und rechts entlang der Loisach.

Tuche und Kalk, Marmor und Möbel schafften die Männer während wochenlanger Fahrten nach München, Passau und auf der Donau bis Wien und Budapest. Den Heimweg traten die Flößer oft zu Fuß an. Eine gefährliche Reise, denn so manches Mal lauerten ihnen Räuber auf – und weg war ihr Lohn.

Darüber hinaus wurden die Flöße bis etwa 1850 zur Personenbeförderung genutzt. Fahrten nach Fahrplan gab es auf der Isar bis München und Wien.

1904 machte Josef Seitners Großvater Sebastian seine allerletzte Floßfahrt als Fuhrunternehmer: In neun Tagen schaffte er eine riesige Biersudpfanne bis nach Wien. „Das war’s dann erst mal“, so Seitner. Denn die Eisenbahn war längst ins bayerische Oberland vorgedrungen. Um 1890 erreichte der erste Zug die Flößergemeinde Wolfratshausen.

Außerdem entstanden Ende des 19. Jahrhunderts an der Isar mehrere Wasserkraftwerke. Dafür wurde der Fluss südlich von München in den Werkkanal abgeleitet. „Viele Flößer gaben auf und ließen sich mit Geld abfinden. Die Kraftwerker sagten ihnen: In Zukunft braucht man euch nicht mehr, die Eisenbahn ist schneller“, erinnert sich Josef Seitner.

Doch Opa Sebastian blieb stur. „Bereits 1910 hat er die erste Vergnügungsfahrt mit Gästen von Wolfratshausen nach München geflößt“, so Enkel Josef.

Rund 300 Fahrten kommen für Meister Seitner und seine 18 Mitarbeiter heute während der Sommermonate zusammen: Freundescliquen, Burschenvereine, Feuerwehren, Sängerkreise, Skatclubs, Stars und Sternchen – viele und vieles hat Seitner schon erlebt. So manche Tour sei geradezu ein schwimmendes, kleines Oktoberfest gewesen. Eine Riesengaudi mit deftiger Brotzeit und Bier, sehr viel Bier.

Natürlich auch mit zünftiger Musik, die von Wigg Heislmeier und seinen Kollegen kommt. „Floßcombo“ nennt sich das Quartett um den 77 Jahre alten, quirligen Landshuter. Von bayerischen Heimatklängen bis zu den Toten Hosen spielen die Vier so ziemlich alles, was die Gäste zum Mitsingen und Tanzen auf den schwankenden Brettern animiert.

Spritzige, nasse Höhepunkte der abhängig vom Wasserstand fünf bis sieben Stunden dauernden Gauditour sind die Floßrutschen an den Wasserkraftwerken Pullach und Mühlthal bei Straßlach. 345 Meter lang ist die Mühlthaler Rutsche, die längste Schräge dieser Art in Europa. Mit Tempo 40 driften die massigen Holzinseln auf der Flutwelle abwärts in die 18 Meter tiefer dahinrauschende Isar.

„Jede Fahrt ist anders, jeden Tag ändert sich das Wasser“, so Flößer Jason Charles. Der 40-Jährige mit den muskelbepackten Armen stammt aus Trinidad und Tobago. Einst kam er der Liebe wegen nach Oberbayern. Die Liebe ist gegangen, sein Beruf als Flößer blieb, seit nunmehr 14 Jahren schon.

Michelle Scollo ist erst seit 2016 dabei. „Ich muss noch viel von Jason lernen“, meint der 38-jährige Sizilianer. Die Zwei sind die einzigen Vollzeitflößer in Seitners Betrieb. Und die neue Generation, die eine über 800 Jahre alte Tradition weiterführen wird.

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