Bereits kurz nach Vergabe der Weltmeisterschaft an Russland wurde viel über die großen Distanzen, die Fans im Land zurückzulegen haben, gesprochen. Und das, obwohl das Turnier lediglich im europäischen Teil stattfindet. Tatsächlich beträgt die Entfernung zwischen dem östlichsten Spielort, Jekaterinburg, und dem westlichsten, Kaliningrad, ziemlich genau 3000 Kilometer.

Von Berlin nach Kaliningrad sind es hingegen nur 620 Kilometer – es liegt also quasi um die Ecke. Dennoch gestaltet sich die Anreise in das frühere Königsberg, wenn, wie die Fifa empfiehlt, auf das Auto verzichtet wird, mühsamer als gedacht.

Eine direkte Zugverbindung aus Polen existiert nicht, und auch die Busanbindungen sind eher dürftig. Alle Flüge gehen über Moskau und sind entsprechend umständlich und teuer. Die beste Alternative scheint da der Flug nach Riga plus anschließender Nachtbus. Für die knapp 400 Kilometer von der lettischen Hauptstadt in die Heimatstadt Immanuel Kants benötigt der immerhin acht Stunden. Dies liegt weniger an den Straßenverhältnissen, sondern an den umfangreichen Grenzkontrollen bei der Einreise in die „Kaliningradskaya Oblast“.

Diese empfängt den Besucher am Grenzort Sovjetsk, ehedem Tilsit, mit sprödem Charme. Viele etwas heruntergekommene Plattenbauten in der Morgendämmerung machen einen tristen Eindruck, dieser wird zudem von heftigen Regenschauern noch verstärkt. Weiter geht die Fahrt durch die leicht hügelige, von Wiesen, Mais- und Roggenfeldern dominierte Landschaft bis am frühen Morgen Kaliningrad erreicht ist.

Dort angekommen, zerstreut sich die bunte Reisegruppe schnell. Während der langen Grenzprozeduren ergaben sich gute Gelegenheiten, um mit den Mitreisenden ins Gespräch zu kommen. Am Tag der WM-Eröffnung sind einige Fußballtouristen darunter. Eine Gruppe nigerianischer Studenten, wohnhaft in Estlands Hauptstadt Tallinn, lässt sich die Gelegenheit nicht nehmen, ihre Mannschaft an diesem Samstag (21 Uhr/ZDF) in Kaliningrad im Spiel gegen Kroatien zu unterstützen. „Wir schauen auf jeden Fall alle drei Vorrundenspiele“ betonen sie. Ihre Weiterreise haben sie noch nicht geplant. Dass die bereitgestellten Sonderzüge bereits alle ausgebucht sind, beunruhigt sie nur wenig. „Nötigenfalls fahren wir mit dem Taxi nach Moskau – zum Laufen ist es ja schließlich zu weit“ scherzen sie gut gelaunt. Ein kroatischer Fußballfan beschwört die Schönheit der Kurischen Nehrung. Der russische Part sei zudem sehr viel wilder und ursprünglicher als der litauische Teil der Landzunge.

Dahin, also auf den russischen Part des Sandstreifens, führt auch unser Weg. In einem proppevollen Kleinbus rumpeln wir 70 Kilometer bis in das kleine Fischerdorf Rybatschi (Rossitten) die malerische Nehrungsstraße entlang. Im Ort herrscht bereits WM-Fieber. Direkt am Busbahnhof ist eine Gruppe Menschen damit beschäftigt, eine Art „Public Viewing“ zu errichten. Pünktlich zum Auftritt von Robbie Williams bei der Eröffnungsfeier in Moskau steht die Leitung.

Die WM kann beginnen. Zum Eröffnungsspiel Russland - Saudi-Arabien (5:0) werden unzählige Arten Räucherfisch und frisch gezapftes Bier serviert. Etwa 50 der 900 Einwohner des Ortes haben sich in geselliger Runde versammelt. Der deutliche russische Sieg führt zu ausgelassener Fröhlichkeit.

Nach dem Spiel ist fast zu bedauern, den nächsten Auftritt der russischen Mannschaft nicht mehr in dieser sympathischen Atmosphäre genießen zu können. Doch nach dem Spiel in Kaliningrad wird mich der Weg nach Moskau führen, das Ticket in einem der „Fifa-Trains“ ist bereits gebucht. Zum Laufen sind die 1300 Kilometer ja bekanntlich zu weit – und ein Taxi dann vielleicht doch etwas zu teuer...