Mariensiel - Jubiläen sind geeignete Anlässe, Rückschau zu halten. So auch in Mariensiel. Das Dorf ist Teil der Gemeinde Sande und inzwischen 450 Jahre alt. An diesem Wochenende wollte der Bürgerverein ein großes Fest feiern. Längst waren alle Vorbereitungen getroffen. Doch dann machte die Corona-Pandemie alle Pläne zunichte und stürzte den Verein darüber hinaus in einen finanziellen Engpass, den es zu bewältigen gilt.
Der 2012 im Alter von 94 Jahren verstorbene Gründer und Ehrenvorsitzende des Bürgervereins, Siegfried Dieskau, der auch von 1970 bis 2009 als Bezirksvorsteher oft stark für sein Mariensiel eintrat, befasste sich 2009 mit der interessanten Geschichte Mariensiels. Hier nun Informationen daraus:
Gründung als Schutz
Es war Fräulein Maria, die Regentin von Jever (1500 - 1575), die fünf Jahre vor ihrem Tode zur Entwässerung des Hinterlandes das erste hölzerne Siel durch den Deich bauen ließ. Damit gab sie dem Dorf zugleich seinen Namen.
Mehrere Sturmfluten zerstörten das Siel bis man es 1877 schließlich mit einem aus Stein ersetzte. Davor entstand ein Hafen mit Fahrwasser zur Jade. Getreide, Holz, Muschelkalk, Felle, Tran, Salz und Genever brachten kleine Schiffe als wichtigste Fracht.
Siel zum Nordseebad
Als der Wilhelmshavener Hafen erweitert und 1909 der Banter Seedeich gebaut wurde, verschlammte die Fahrrinne nach Mariensiel. Selbst ein Mudderboot konnte sie schließlich nicht mehr offen halten. Das Siel wurde 1963 stillgelegt, der Seedeich verlegt und Mariensiel vom Jadebusen abgeschnitten.
1984 übernahm die Gemeinde Sande das alte Siel als Baudenkmal und erinnerte daran, dass 1926 mutige Mariensieler Bürger den Ort mit 14 Kabinen, einem Sprungturm und einem Nichtschwimmerbecken zum Nordseebad gemacht hatten. Erst 1994 karrten Mitglieder des acht Jahre zuvor gegründeten Bürgervereins 140 Kubikmeter Sand in das Siel, um es als einziges seiner Art an der Nordseeküste begehbar zu machen.
Täglich 10.000 Autos
Bedeutung hatte Mariensiel durch die 1855 gebaute Staatsstraße von Sande nach Wilhelmshaven. Die 1941 fertiggestellte B 210 über Roffhausen galt als erste Mariensieler Ortsumgehung. Ruhe kehrte ein, denn das Kopfsteinpflaster durch die alte Strecke wurde seitdem gern gemieden.
Erst 1964 baute man die „Wilhelmshavener Straße“ durch das Dorf breiter und mit einer Asphaltdecke komfortabel aus. Der Durchgangsverkehr stieg auf der meistbefahrenen Kreisstraße Frieslands auf täglich fast 10 000 Fahrzeuge. Nach zahlreichen Eingaben und Beschwerden des Bürgervereins musste 1993 dann die zweite Umgehung für 3,6 Millionen DM gebaut werden.
Große Konkurrenz
An der 1855 gebauten Bahnstrecke Oldenburg-Wilhelmshaven hatte Mariensiel bis 1977 einen eigenen Bahnhof. Seit 1888 ist der Ems-Jade-Kanal die Grenze des Dorfes zu Wilhelmshaven. Eine eigene Grundschule ließ die Gemeinde Sande 1954 an der Umfangstraße bauen. Nach 14 Jahren ersetzten jedoch Schulbusse nach Cäciliengroden deren Betrieb. Der Flugplatz Mariensiel (heute Jade-Weser-Airport) wurde 1927 auf dem Bodenaushub des Wilhelmshavener Hafens angelegt. Schon 1930 konkurrierte er sogar mit der 1926 gegründeten Lufthansa um Passagieren und Fracht. Noch heute ist der Flugplatz ein wirtschaftlicher Faktor der Gemeinde Sande.
Mehrere Explosionen
Siegfried Dieskau erinnerte in seinem privaten Rückblick auch an jene traurigen Ereignisse in den Jahren 1919, 1920 und 1943, als es drei Explosionen gab. Sie erschütterten die gesamte Region. Bei der ersten Explosion im Artilleriezeugamt waren elf Todesopfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen. 35 Häuser wurden zeitweise unbewohnbar und die Höhe der Schäden betrug zwei Millionen.
Gemeinschaft erhalten
Doch in der Geschichte Mariensiels gab es auch Erfreuliches. Wie etwa die Feiern zum 425. Geburtstag Mariensiels. Der Bürgerverein bot dazu 1995 mehrere Veranstaltungen mit Musik, Gottesdiensten, Feuerwerk und buntem Treiben für Jung und Alt. Am Jubiläums-Wochenende fand ein Open-Air-Festival statt und auch der Flugplatz war mit einer großen Flugshow eingebunden.
Die Feierlichkeiten lockten Besucher aus Nah und Fern und fanden sogar im Rundfunk und Fernsehen Beachtung. Zuvor hatte der Bürgerverein damals für die Sielanlage als Anschauungsobjekt, für den gepflasterten Platz am Siel und für die Scharttore am Ortseingang gesorgt. 1998 erfolgte die Einweihung des Bürgertreffs zum alten Fort als Heimstatt für die Gemeinschaft. Diesen Treffpunkt weiter zu behalten, wird zu einer schweren Aufgabe für den Vorstand, was durch die Corona-Krise erschwert wird. Die eingeplanten 6000 Euro für private Vermietungen zu familiären Feiern fallen in diesem Jahr weg, doch die Kosten für das Gebäude müssen unverändert in gleicher Höhe aufgebracht werden. Die Jubiläumsveranstaltungen mussten die Vorsitzende Tatjana Mundt und Detlev Hoppe, Schriftführer, inzwischen absagen. Ob sie eines Tages nachgeholt werden können, ist nicht vorhersehbar.
