Neustadtgödens - Nun wird es eben doch kein großes Fest zum 30. Geburtstag. „Wir arbeiten personell gerade am Limit, mussten schon eine Gruppe schließen, weil Mitarbeiter krank sind, und es läuft zurzeit nicht nur Corona, sondern auch noch ein anderes diffuses Infektionsgeschehen. Das alles ist keine Grundlage für eine entspannte, fröhliche Geburtstagsparty“, sagt Marion Homfeldt.
Einst eine grüne Wiese
Die Leiterin der Kindertagesstätten „Farbenspiel“ und „Kunterbunt“ in Neustadtgödens hatte vor wenigen Tagen entschieden: Das große Fest muss ausfallen. Stattdessen gab’s dieser Tage dann Eis für alle. 30 Jahre hat die Kindertagesstätte (Kita) „Kunterbunt“ nun auf dem Buckel. Zuvor war dort, wo der Kindergarten entstand, nur grüne Wiese, denn in Neustadtgödens gab’s zwar eine Menge junger Familien, aber keinen Kindergarten. Die Kinder wurden per Bus nach Cäciliengroden gebracht. Doch auch dort platzte der Kindergarten aus allen Nähten, und so wurde in der Verwaltung über einen Anbau nachgedacht. Marion Homfeldt, selbst Mutter, war damals Erzieherin in Sillenstede, lebte aber in Neustadtgödens und war über Freizeitgruppen und Sportverein bestens mit anderen jungen Eltern vernetzt.
Warum ein Anbau in Cäci, wenn eine eigene Einrichtung in Neustadtgödens eigentlich für alle doch viel günstiger wäre? Mit Nachdruck trat eine Elterninitiative für die Interessen der Familien aus Neustadtgödens auf.
Nicht lange überlegt
„Ein Förderprogramm kam uns zugute, für Erweiterungen von Kindergärten gab es 3000 D-Mark pro Platz, beim Neubau aber 5000 D-Mark“, erzählt Homfeldt, die sich wenig später auf eine freie Stelle im Kindergarten Cäci beworben hatte, der dann aber die Leitung in Neustadtgödens angeboten wurde. „Da brauchte ich nicht lange überlegen“, sagt sie und erinnert sich, wie sie wenige Wochen vor der Eröffnung im Rohbau stand. „Mobiliar auswählen, Spielzeug bestellen, die Anmeldungen entgegennehmen, das alles lief bei mir im Wohnzimmer ab.“
Die Gruppen und die Erweiterung
Bei der Eröffnung hatte der Kindergarten „Kunterbunt“ zwei Gruppen, 50 Kinder konnten aufgenommen werden – 75 waren angemeldet. Seit Bestehen hat die Einrichtung eine Warteliste. Seit 2012 werden auch jüngere Kinder aufgenommen, zunächst in einer altersübergreifenden Gruppe, dann wurde eine Regelgruppe (3 bis 6 Jahre) und eine Krippengruppe (unter 3 Jahre) eingerichtet.
Seit 2014 ist auch eine Ganztagsbetreuung möglich, und ab 2016 reichten zwei Gruppen endgültig nicht mehr aus. Übergangsweise konnte ein Raum der benachbarten Grundschule mitgenutzt werden. Alle atmeten auf, als 2019 mit der Kita „Farbenspiel“ eine zweite Einrichtung direkt nebenan, im früheren Gemeindehaus, eingerichtet wurde. In beiden Einrichtungen werden heute Kinder im Alter zwischen einem und sechs Jahren betreut.
Was ist geblieben, was hat sich verändert?
30 Jahren Kindertagesstätte „Kunterbunt“ in Neustadtgödens – was hat sich in der Zwischenzeit getan? Äußerlich nicht viel, der Zuschnitt der Räume ist gleich geblieben, in den Regelgruppen dürfen 25 Kinder gleichzeitig betreut werden, dafür sind zwei Fachkräfte vorgesehen, mindestens eine Erzieherin/ein Erzieher und ein Sozialassistent/eine Sozialassistentin. In den Krippengruppen sind es weniger Kinder und etwas mehr Personal. „Aber die Lebenswelt der Eltern und der Kinder hat sich in dieser Zeit komplett verändert. Und die Anforderungen ans Personal haben nur noch wenig mit dem zu tun, was es vor 30 Jahren einmal war“, sagt Leiterin Marion Homfeldt.
Frühkindliche Bildung
Schon lange sei man vom Image der „Spieltante“ weg – Kita, das sei mittlerweile die erste Anlaufstelle zur frühkindlichen Bildung. Und das sei auch der Anspruch an die Erzieher und Sozialassistenten. Und zwar mit einem hohen Aufwand an Dokumentation und zusätzlichen Förderprogrammen. Doch in den Köpfen der Politik sei das offenbar noch lange nicht angekommen. „Wir arbeiten wirklich am Limit und wenn das nicht endlich erkannt wird und radikal an den Rahmenbedingungen geschraubt wird, dann werden wir bald überhaupt kein Fachpersonal mehr haben. Dann müssen wir ganz einfach den Schlüssel umdrehen und zusperren“, sagt Marion Homfeldt.
Wenn die Erzieherin und ausgebildete Mediatorin von den Kindern erzählt, über Elternarbeit berichtet, wird schnell klar, wie viel Herzblut sie in diese Aufgabe steckt. Sie will ihren Anteil dazu beitragen, jedem Kind den bestmöglichen Start ins Leben zu ebnen. Und sie ist eine Kämpferin, eine Anwältin der Kinder, denn die seien es, die unter den derzeitigen Rahmenbedingungen litten, sagt sie.
Die Digitalisierung
Und zugleich sei der Betreuungsaufwand heute wesentlich höher als er früher einmal war. Wie war das noch mit der Lebenswirklichkeit für Eltern und Kinder? „Ich halte die Digitalisierung für einen super Fortschritt – wo sie ihren Platz hat. Aber in der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern ist sie ein enormes Hemmnis. Kinder lernen nur im direkten Gespräch, sie lernen, wenn sie etwas anfassen, nicht wenn sie auf Tasten herumdrücken. Das Spielen, am besten draußen und mit vielen verschiedenen Materialien, ist wirklich unentbehrlich, sonst gelingt es Kindern nicht, die Welt zu begreifen“, sagt Marion Homfeldt.
