Neustadtgödens - Seit März zeigt das Landrichterhaus in Neustadtgödens die Ausstellung „Leinen-los – 475 Jahre Hafen, Leinenweberei und religiöse Vielfalt in Neustadtgödens“, mit der die Bedeutung der Leinenherstellung und des Leinenhandels für die 1544 neu angelegte Ortschaft aufgezeigt wird.

Grundlage von Leinenherstellung und -Handel waren der bäuerliche Anbau von Lein und das daraus gewonnene Produkt: das aus dem Flachs gesponnene Garn. Leinanbau und Flachsspinnerei spielten allerdings in Neustadtgödens selbst keine größere Rolle, Garne und vielfach auch gewebtes Grobleinen wurden vielmehr aus den umliegenden Regionen (Ammerland, Friesische Wehde) importiert. Dennoch zeigt die Ausstellung mit Exponaten wie Werkzeugen der Flachsbearbeitung und Spinnrad auch diese Facetten des Themas.

Somit geraten bäuerliche Kultur- und vorindustrielle Arbeitstechniken in den Blickpunkt, die über Jahrhunderte in Mitteleuropa eine wichtige Rolle gespielt und das alltägliche Leben unserer Vorfahren bestimmt haben. Heute sind sie weitgehend vergessen, zu ihrer Zeit jedoch haben sie sich prägend auch auf das Geistesleben ausgewirkt.

Kaum zu erfassen dürfte zum Beispiel die Zahl der Dichtungen sein, die um das Sujet Spinnrad bzw. Spinnen kreisen. So gehört die Szene ‚Gretchen am Spinnrad ‘ zu den eindrucksvollsten von Goethes Schauspiel ‚Faust I‘. Und Brentanos ‚Der Spinnerin Nachtlied‘ ist wohl eines der meistzitierten Gedichte der deutschen Romantik. Ein Gedicht des gebürtigen Mecklenburgers Johann Heinrich Voß (1751–1826) scheint besonders geeignet, die weitgehend vergessenen Schritte der historischen Flachsverarbeitung vor Augen zu führen. Das ländliche Leben, im Untertitel von ‚Luise‘ angesprochen, spielt als Sujet generell eine große Rolle im Werk von Voß, davon zeugt auch das achtstrophige Gedicht „Beim Flachsbrechen“. In einer offenbar von Voß selbst stammenden Anmerkungen dazu heißt es: „Die Bearbeitung des Flachses kennt jeder, der dieses Lied zu singen oder zu lesen würdigen wird.“ Heute, wo kaum noch jemand die Bearbeitung des Flachses kennt, mag umgekehrt das Gedicht dazu dienen, dieses verlorene Wissen wieder zu vergegenwärtigen:

Die erste Strophe fordert zum Brechen des Flachses auf. Dieses dient zum Absondern der hölzernen Anteile des Flachsstängels von den Faseranteilen, die zur weiteren Verarbeitung benötigt werden. Das verwendete Werkzeug ist die Breche; als Schebe (auch: Schäbe) bezeichnet man den hölzernen Abfall. Angesprochen werden weibliche Adressaten („Plauderinnen“ V. 1); viele Arbeitsgänge bei der Flachsverarbeitung und Leinenherstellung wurden von Frauen und Mädchen durchgeführt.

Für den Anbau des Flachses galt die „Hunderte-Regel“: Die Aussaat des Leins sollte erst nach dem 100. Kalendertag, also etwa ab Mitte April, beginnen, dann brauchte die Saat ca. 100 Stunden bis zur Keimung. Weitere 100 Tage später erfolgte die Ernte, das Ausraufen der Stängel. Diese wurden geriffelt, das heißt durch die Riffel, auch Flachsraufe genannt, gezogen, um die Samenkapseln (die „Bollen“) abzustreifen, aus denen der Leinsamen ausgedroschen wurde, um das Saatgut für das kommende Jahr oder das Leinöl zu gewinnen.

Die Flachsstängel wurden im Weiteren geröstet, d. h. einem Rottungs- (Faulungs-) Prozess ausgesetzt, bei dem das pflanzliche Gewebe zur späteren Gewinnung der Fasern aufgelockert wurde. Das geschah entweder in einer wassergefüllten Kuhle („Flachsröste“) oder bei der Tau-Röste auf dem offenen Feld, auf dem die Flachsgarben ausgebreitet wurden. Im Gedicht ist die Tauröste beschrieben, die mehrere Wochen andauerte. Da im Anschluss an die Rotte die feuchten Flachsbündel zunächst getrocknet („gedarrt“) werden mussten, konnte das Flachsbrechen als wichtiger Arbeitsschritt erst einige Zeit nach dem Ausraufen einsetzen, in der Regel war schon September oder Oktober.

Die dritte Strophe im Gedicht stellt das Brechen des Flachses als recht groben Prozess dar, der der Leinpflanze widerfährt, die zur Blütezeit eigentlich ein eher zierliches Gewächs ist. Das Brechen des Flachses war eher ein Zerquetschen („Knicken“) als ein wirkliches Zerbrechen. In der 5. Strophe werden die Schwinge und die Hechel als Werkzeuge der weiteren Verarbeitung genannt. Die Schwinge besteht aus zwei Teilen, einem aufrecht stehenden Brett, über dessen Oberkante der Flachs gelegt wurde, und dem Schwingholz, mit dem die herabhängenden Flachsbündel ausgeschlagen wurden, um die noch anhaftenden Holzteile zu entfernen. Danach wurde der Flachs mehrmals „durchgehechelt“, also durch die eisernen Kämme der Hechel gezogen. Dabei wurden die noch zusammenhaftenden Bastteile in die einzelnen Flachsfasern getrennt und diese zugleich ausgerichtet. Kurze Faserstücke fielen als ‚Werg‘ ab, das z. B. noch als Isoliermaterial verwertet werden konnte, etwa beim Kalfatern von Booten.

Sprechen die Strophen drei bis fünf den groberen Teil der Flachsbearbeitung an, der weitgehend im Freien erledigt wurde, so thematisieren die folgenden Verse das Gewinnen des Garns aus den Fasern, das in der Spinnstube stattfand und in erster Linie eine weibliche Tätigkeit war. Diese erforderte ein hohes Geschick: Die Spinnerin musste das Spinnrad durch ihren Fußtritt in Bewegung halten („trillen“) und die Flachsfasern gleichmäßig aus der ‚Knocke‘, dem zopfartig zusammengedrehten Bund gehechelten Flachses auf dem Rocken, zu ziehen und dem Spinnflügel zuzuführen, wo sie miteinander zu einem Faden verdreht und auf die Spule aufgewickelt wurden. Um die Fasern geschmeidig zu machen, wurden sie befeuchtet, dazu beleckte die Spinnerin ihre Finger, der Poet spricht vom „Kuss“.

Das aufgehaspelte Garn wurde dann vom Weber zu Leinwand (Stoff) verarbeitet, die im Frühjahr noch durch Laugen vorbehandelt („gebeucht“) und dann an der Sonne gebleicht wurde.

Aus dem fertigen Leinen wurden Textilien hergestellt, das Gedicht spielt auf die Laken des Brautbettes und die Nachtkleidung des Brautpaares an. In einem Gedicht des schwäbischen Romantikers Justinus Kerner wird die Bedeutung des Linnens für das Leben des Menschen noch umfassender dargestellt:

Zarten Leib in dich gekleidet / Tritt das Mägdlein zum Altare; Liegst, ein segnend Kreuz, gebreitet / Schimmernd über dunkler Bahre.

Bist des Säuglings erste Hülle, Spielest lind um seine Glieder; Bleich in dich gehüllt und stille / Kehrt der Mensch zur Erde wieder.