Sande - Es ist der letzte Abend, dann schließt Wolfgang „Mozart“ Gerhard die Tür zu seiner Kultkneipe „Scharfe Ecke“ in Sande ab. „Wir wünschen unseren Gästen, dass sie Corona schadlos überstehen und wir uns später wieder in der ,Ecke’ sehen“, verkündet ein Lauftext. Im Hintergrund ist die „Kleine Kneipe“ von Peter Alexander zu hören.

Es ist ein Video, aufgenommen mit dem Smartphone. Ein Stammgast hat es noch in der Nacht zusammengeschnitten und an den Wirt geschickt. Der veröffentlicht es auf seiner Facebook-Seite. Und dort steht es jetzt – wie das Zeugnis eines Ausnahmezustands, den der Gastronom so noch nicht erlebt hat. Wie „Mozart“ geht es seit gestern den meisten Gaststätten: Sie müssen ihre Läden dichtmachen. Corona-Pandemie! Vorerst für vier Wochen. Aber der 59-Jährige rechnet mit einer weit längeren Durststrecke.

Lade ...

„Am Wochenende war der Laden noch mal knüppelvoll“, erzählt „Mozart“. Und am Tresen habe es nur ein Gesprächsthema gegeben: Corona – und die Sorge, dass es für lange Zeit der letzte Abend in der „Ecke“ sein könnte. Nach Feierabend kam „Mozart“ aber ins Grübeln. Dass es noch schlimmer kommen kann, hat er gemeinsam mit seiner Frau Marie-Luise Elbing ohnehin erwartet. Deshalb wollten sie die Kneipe freiwillig vorübergehend schließen. Mittwoch sollte der letzte Tag sein. „Zu uns kommen viele Gruppen und Vereine, auch mit älteren Menschen. Wir wollten das nicht mehr verantworten.“

Jetzt ist ihnen die Politik doch noch zuvorgekommen: Stammgäste, drei Dart-Mannschaften, sieben Kaffeetafeln, Siedlergemeinschaft, Bürgerverein, ein Rollerclub aus Brake, der Stammtisch der Jungbauern, Skatspieler – „alle müssen jetzt mit ihren Hintern zu Hause bleiben“, sagt „Mozart“ und freut sich, dass seine Gäste sehr verständnisvoll mit der Situation umgehen. Trotzdem bleibt die Sorge: „Wie wird es jetzt weitergehen?“ Zuvor musste „Mozart“ schon die geplante Bürgerhaus-Abrissparty und ein Konzert mit Elvis-Imitator Gordon Davis absagen, sämtliche Veranstaltungen in der „Ecke“ sind nun auch passé – und mit ihnen die Einnahmen. „Das hätten unsere besten Wochen des ganzen Jahres werden können“, sagt „Mozart“ und mag gar nicht darüber nachdenken, wie hoch die Verluste ausfallen werden. Nicht nur für ihn sei die Schließung ein herber Schlag, sondern auch für seine fünf 450-Euro-Kräfte, die nun nach Hause geschickt wurden.

„Mozart“ selbst will die Zwangspause für Reparaturen nutzen – „den Laden auf Vordermann bringen“, sagt er. Eine weitere Absage steht dem 59-Jährigen aber noch ins Haus: Sein eigener runder Geburtstag Ende April. Den wollte er mit hunderten Gästen, großem Zelt und Imbisswagen im Garten feiern. „Den Stress hätte ich mir gerne gemacht.“

Stephan Giesers
Stephan Giesers Lokalredaktion, Wilhelmshavener Zeitung