SANDE - Es gibt tragische Ereignisse, die rücken die wirklich wichtigen Dinge im Leben wieder zurecht. Der Unfalltod der 16-jährigen Schülerin aus Sande am vergangenen Montag ist solch eine Tragödie. Beim Gedenken des Unfallopfers zu Beginn der Podiumsdiskussion des „Runden Tisches“ in Sande hat es ergreifende Szenen gegeben. Das Mädchen war selbst oft aktiv beim „Runden Tisch“ dabei.
Der Runde Tisch, das von Kirche, Jugendzentrum und der Gemeinde vor rund sechs Jahren initiierte jugendpolitische Forum in Sande, hatte Frieslands Kandidaten zur Landtagswahl in den Sander Ratssaal eingeladen, um deren Positionen vor allem zu jugendrelevanten Fragen zu hören. Die großen Themen der Region und des Landes wie Jade-Weser-Port und Kraftwerksbau, soziale Gerechtigkeit und regenerative Energien, auf etlichen Wahlkampfveranstaltungen der vergangenen Wochen hinreichend diskutiert, wurden diesmal fast vollständig ausgeklammert.
Die Jugendlichen haben andere Fragen: Etwa die nach der Unterrichtsversorgung an ihren Schulen, nach der Schaffung von Ausbildungsplätzen und nach der Bildungspolitik und damit auch nach einer Integrierten Gesamtschule. Die jungen Leute fragten aber auch, was andere bisher nicht zu fragen wagten: Nämlich nach der Glaubwürdigkeit der Politiker und nach den Werten, für die sie einstehen.
Denn vor allem eines ist bei den Jugendlichen hängen geblieben: „Vor der Wahl wird viel versprochen, hinterher wird wenig gehalten.“ Eine Frage, auf die Ellmer Cramer von den Freien Wählern schon lange gewartet hat: Er propagiere eine Politik von unten nach oben. Der Fraktionszwang in den Parteien sei „ein Grundübel“.
Uwe Burgenger (Grüne) erklärte wie Olaf Lies (SPD) und Lübbo Meppen (FDP), dass Politik viel mit Kompromissen zu tun habe und faire Auseinandersetzungen zur Entscheidungsfindung nun einmal dazugehörten. Olaf Lies nannte „Offenheit“ als den Wert, den er nicht nur in der Politik für besonders wichtig halte. Transparenz und Ehrlichkeit sind die Werte, die Anja Kindo (Linke) obenan stellt. „Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, ist wesentliche Ursache von Wahlmüdigkeit“, meint Kindo. Auch für CDU-Kandidatin Elisabeth Onken ist Ehrlichkeit die wichtigste Tugend.
Dass das Land mehr Lehrer brauche und in die Bildung viel mehr Geld gesteckt werden müsse, darin waren sich alle Kandidaten einig. Und darin, dass Bildung der Schlüssel für Zukunftsperspektiven sei und damit auch die Jugendkriminalität verringere. Uneinigkeit herrschte darin, ob der richtige Weg zu mehr Bildung bereits eingeschlagen sei oder ob nicht doch der politische Gegner das bessere Rezept hat.
Die Jugendlichen brachten Beispiele aus ihrem Alltag: Trotz von der Landesregierung vermeldeter 99-komma-x-prozentigen Unterrichtsversorgung machten die Jugendlichen andere Erfahrungen. So würden etwa an der BBS Jever nur 14 statt der vorgesehenen 32 wöchentlichen Unterrichtsstunden gegeben werden. In Varel sehe die Situation nicht viel besser aus. Ein junger Lehrer im Publikum machte die Misere daran fest, dass die Region für seine Kollegen nicht mehr besonders attraktiv sei: „Die gehen lieber nach Nordrhein-Westfalen, da gibt es noch Weihnachts- und Urlaubsgeld.“ Der Lehrerberuf sei unattraktiv geworden.
Dass das lange Parken der ausbildungswilligen Schüler in Berufsgrundbildungs- und -vorbereitungsjahren meist zur Frustration führe, monierte Uwe Burgenger. Die Rezepte, die jungen Leute in die Betriebe zu kriegen, reichten von Ausbildungsabgaben (Kindo) über Verbundsysteme mit Schulen (Lies) bis zur Ausbildung in den Betrieben. FDP-Mann Meppen: „Die Ausbildung im Betrieb ist näher am Unternehmen. Daran führt kein Weg vorbei.“
