Sande - Es waren gar nicht so wenige Menschen in Friesland, die vor der Wende Beziehungen zu Verwandten in der DDR, der deutschen Demokratischen Republik, hatten. Nach einer Zeit strikter Abschottung ließen die Machthaber im östlichen Teil Deutschlands wieder Kontakte zu – Besuche gegen die so dringend benötigten Devisen. 25 D-Mark kostete der Zwangsumtausch für Westler, die zur Ost-Verwandtschaft reisten. Von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs durften nur die Rentner in den Westen reisen – als unnütze Kostgänger sogar übersiedeln.
Auch in meiner Familie gab es einen angeheirateten Onkel von „drüben“. Er war als junger Mann noch vor dem Mauerbau aus seiner sächsischen Heimat in den Westen geflohen – bei Nacht und Nebel. Viele Jahre hatte er nur Briefkontakt zu seiner Familie, später durfte er seine Eltern besuchen, noch später kamen sie zu Besuch und dann, im Alter, fanden sie sich im Friesischen besser versorgt und siedelten über.
Auch die Großväter meiner Frau sind Ostdeutsche. Der eine Ostpreuße aus Marienwerder; er kam schon vor dem Krieg hierher. Der andere, ein Dessauer, gelangte als Flugzeugmechaniker im Lauf des Krieges nach Upjever und blieb hier. Der sächselte „och“. Doch die beiden Opas lernte ich ja erst später kennen.
In meiner Jugend blieb der Osten „theoretisch“. Das heißt nicht ganz: Als Kind stand ich mit meinen Eltern einmal im Harz-Urlaub an der Grenze, die damals das Ende der freien Welt markierte: Schussfeld, Stacheldraht, Wachtürme – das gruselige Bild hat sich für immer eingeprägt.
Im Gemeinschaftskunde- und Politikunterricht bei Werner Launhardt am Humboldt-Gymnasium lernte ich genau kennen, was den Unterschied zwischen den beiden deutschen Staaten ausmachte, hörten wir die Protestlieder des damals noch nicht ausgewiesenen Wolf Biermann und diskutierten die Pro- und Kontra-Argumente zur sozialliberalen Ostpolitik – im Bundestag stritt man sich um die sogenannten Grundlagenverträge mit der DDR. Würde die Bundesrepublik damit anerkennen, dass es einen zweiten deutschen Staat gibt?
So weit, so gut. Aber wo Wismar liegt, Karl-Marx-Stadt (gar Chemnitz), wo auf der Karte genau Halle zu finden ist, die Lausitz oder der Spreewald – ich hätte es nicht zu sagen gewusst. Die DDR – das war das Land, das es nicht gibt.
Mein Horizont weitete sich 1988. Schließlich hatten sich die Besuchsbestimmungen soweit gelockert, dass eine Gruppenfahrt zur Partnergemeinde organisiert wurde.
Doch erste Station kurz hinter der „Zonengrenze“, wie es damals noch hieß, war Eisenach – eine graubraune Stadt, so graubraun wie das Land. Farbe war ja kaum zu bekommen. Und wie roch es. Im Westen hatten die meisten Kohleöfen doch schon längst ausgedient, hier gab es nichts anderes als Braunkohle zum Verheizen. Aus unzähligen Schornsteinen kräuselte Rauch. Die Trabi- und Wartburg-Zweitakter qualmten bläulich, über Kopfsteine holpernd, um die Wette.
In Eisenach waren wir Gäste der thüringischen Landeskirche, besichtigten diakonische Einrichtungen und natürlich die Wartburg, nichts aber über das von 13 Landeskirchen getragene „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses“ in der christlichen Religion, in dem sich damals durchaus angesehene Theologen verdingten, Jesus in den Stammbaum der Arier zu integrieren. Dieses Institut hatte seinen Sitz auch in den Villenviertel, in dem auch wir in einer Villa untergebracht waren, die nach dem Krieg, unversehrt, wie sie geblieben war, keine Renovierung mehr erfahren hatte.
Wir unterhielten uns über Gott und die Welt – die im Osten mit so viel mehr Mühsal des Alltags beladen war. Ein Kellner klagte einmal sein Leid als Hausbesitzer: Als Vermieter musste er für alle Kosten, auch Schönheitsreparaturen aufkommen, aber dafür war die Miete viel zu gering. Folge: Was im Krieg nicht zerstört wurde, war dem Verfall im Sozialismus preisgegeben. An manchen Fassaden las man noch die verwitternden Firmeninschriften der Vorkriegszeit. Andererseits wurde hier mangels Materials und Geldes nichts ohne Respekt vor dem Alter kaputtsaniert wie im Westen.
Alle Begegnungen endeten mit einem Segen oder Gebet – und einem Gruß an die womöglich irgendwo mithörende Staatssicherheit. „Wie lange kann das hier noch so weitergehen?“, so die Frage an den uns begleitenden Kirchenoberen. Da sei kein Ende abzusehen, lautete die resignierte Antwort.
Es ging weiter nach Hohenbocka in die Lausitz. Unsere Gastfamilie wohnte in Grünewald, einem Nachbardorf. Ingeborg und Reinhard Füssel empfingen uns herzlich und bewirteten uns mit allem, was ihr großer Gemüsegarten hergab. Die Tomaten waren ihr ganzer Stolz. Sie hielten auf dem kleinen Stück Land, das sie nach der Sozialisierung in der Landwirtschaft behalten durften, eine Kuh und ein paar Schweine, schlachteten selbst und machten Wurst, so deftig und fett, dass wir nach einer Stulle nicht mehr weiteressen konnten.
Ingeborg Füssel war Arbeiterin in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), Reinhard und sein Sohn Gundolf werkelten im Braunkohletagebau. „Wir arbeiten mit Maschinen aus Kaisers Zeiten. Die stehen mehr als dass sie funktionieren“, erzählten sie. Reinhard Füssel führte uns in ein aufgegebenes Dorf nicht weit entfernt von Grünewald, das den Baggern bald zum Opfer fallen sollte. Wer heute dorthin reist, kann sich in einer Seenlandschaft erholen. Der Braunkohletagebau wurde bald nach der Wende eingestellt, die Bergbautäler wurden geflutet. Die alten Füssels gingen in Rente, und die war nicht schlecht. Sie genossen die Reisefreiheit, wagten sich sogar mit Busreisen ins Ausland und zu uns in den Westen. Ihre Kinder hatten Glück, Die Tochter als Hauswirtschaftsleiterin behielt stets ihre Arbeit, der Sohn zeigte sich flexibel und ging viele Jahre auf Montage, oft weit von zu Hause entfernt.
Füssels zeigten uns den Spreewald, wir fuhren in das vom Krieg arg zerstörte Dresden, von dem ich nur Plattenbau-Architektur in Erinnerung behalten habe, und besichtigten den Schutthaufen der Frauenkirche. Die Ruinenstadt Görlitz beeindruckte durch ihre Kulisse aus lange vergangenen Tagen. Hier waren keine Bomben niedergegangen. Die Altstadt zerbröselte aus Vernachlässigung. Wir staunten über die Geschichtsvergessenheit der sozialistischen Baubehörden. Heute ist die mittelalterliche Altstadt wiederaufgebaut und ein Schmuckstück.
Auch mit Füssels diskutierten wir über die wirtschaftliche und politische Situation. Sie waren mit vielem nicht einverstanden und kritisierten Desorganisation, Miss- und Mangelwirtschaft. Die Leute litten darunter, ständig für die alltäglichsten Dinge anstehen zu müssen. Reinhard Füssel hörte das Gras wachsen: „Das dauert noch ein bis zwei Jahre. Dann knallt es hier.“ Es dauerte ein Jahr. Gott sei Dank knallte es nicht.
