Sande - Wenn Friedhelm Broer und Oltmann Melle von ihrem jüngsten Arbeitseinsatz erzählen, dann müssen sie ihren Freunden und Bekannten erst einmal erklären, wo sie überhaupt waren. Die beiden langjährigen Stahlbauschlosser bei der Firma Züblin Stahlbau GmbH in Sande hatten nämlich einen ganz besonderen Auftrag: Es galt, eine Brücke über der Schlucht Höllentalklamm zu installieren. Eine Arbeit, bei der Höhenangst fehl am Platz wäre.
Friedhelm Broer ist in seinem Berufsleben viel herumgekommen. Schließlich muss er den Brücken oder anderen Bauteilen, die in seinem Betrieb gefertigt werden, an den Standort folgen, wo sie eingesetzt werden sollen. „So einen Einsatz hatte ich aber noch nie“, sagt der 61-Jährige, der aus Nordwerdum bei Neuharlingersiel kommt. Seinem Kollegen Oltmann Melle geht es ebenso: „Das war schon was richtig Besonderes“, sagt der 57-Jährige aus Esens. Mittlerweile sind sie bereits an einer neuen Baustelle, an der Schleuse in Varel, tätig – das echte Flachland hat sie zurück. Doch die Erinnerung an ihren Auftrag in den Bayerischen Alpen ist noch sehr lebendig.
Rund drei Wochen dauerten die Arbeiten, bei denen eine historische Bogenbrücke aus dem Jahr 1905 ersetzt werden musste. Der Alpenverein hatte sich auf der Suche nach Sponsoren an die Züblin Stahlbau GmbH gewandt. Die sagte zu, weitere Sponsoren wurden gefunden, unter anderem spendierte Thyssen Krupp den Stahl. Die Fertigung der Teile erfolgte im Stammwerk in Hosena (Brandenburg), denn in diesem Fall habe man auf maschinenbearbeitete Bleche zurückgreifen können, berichtete Frank Wübben, Prokurist am Standort Sande. Rund sieben Meter muss die Brücke überspannen, dafür waren rund 150 Einzelteile nötig.
150 Teile, die Friedhelm Broer und Oltmann Melle Stück für Stück gemeinsam mit Helfern des Deutschen Alpenvereins an Ort und Stelle bringen mussten. „Jeder Tag begann mit einem Aufstieg. Das war richtig schwer, darauf sind wir ja nicht getrimmt“, erzählt Broer. Wenn die Baustelle in rund 1100 Metern Höhe erreicht war, dann sei erst mal eine Pause fällig gewesen, ergänzt Melle. Etliche der großen Teile waren mit einem Hubschrauber transportiert worden, doch die letzten zwei- oder dreihundert Meter mussten immer noch per Hand und zu Fuß bewältigt werden. Die alten Gehsteige hätten es ganz schön in sich gehabt, berichten die Stahlbauschlosser. „Kompliziert wird es dann, wenn man Teile, die mehrere Meter lang sind, durch das Gebirge und vielleicht sogar noch um Ecken herum bringen muss“, erzählt Melle. Er und sein Kollege fragen sich, wie die Erbauer der ersten Brücke vor 115 Jahren das wohl gemacht haben. „Die müssen sich sehr gequält haben“, meint Broer.
Zum Glück hatten die beiden Fachmänner aber Hilfe, so waren unter anderem ehrenamtliche Kräfte vom Alpenverein vor Ort, die Bohrungen vorgenommen und Dübel angebracht hatten – Arbeiten, für die man sich abseilen musste. „Das haben besser die jungen Männer gemacht, da haben wir nur aufgepasst, dass alles ordnungsgemäß lief“, berichtet Broer und schmunzelt.
Für die Züblin Stahlbau GmbH war die Brücke über die Höllentalklamm ein kleines Bauwerk – „nur“ fünf Tonnen schwer. Sonst sind sie anderes gewöhnt. Für Friedhelm Broer und Oltmann Melle war die Baustelle allerdings ein Meilenstein: Auch wenn’s anstrengend war – die Erfahrung, in einem Bergmassiv zu arbeiten, war einzigartig und hat sich gelohnt. Darin sind sich die beiden Ostfriesen einig.
Die Höllentalklamm ist eine enge Schlucht im Zugspitz-Massiv, durch die der Hammersbach fließt. Durch dieses Tal in den Bayerischen Alpen verläuft zudem eine bekannte Aufstiegsroute von Hammersbach zu Deutschlands höchstem Berg, der Zugspitze (2.962 Meter hoch), über deren Gipfel die deutsch-österreichische Grenze verläuft. Die touristische Erschließung der Route durch das Wettersteingebirge begann Anfang des 20. Jahrhunderts, heute passieren jährlich rund 100 000 Besucher die Brücke über der Höllentalklamm.
Die Züblin Stahlbau GmbH ist ein Baudienstleister für Stahlhochbau, Stahlbrücken- und Fassadenbau mit Hauptsitz im brandenburgischen Hosena und einer Betriebsstätte in Sande. Während in Hosena der Schwerpunkt auf der Fertigung von Industriebauten liegt und dort vor allem der große hochmoderne Maschinenpark eine wichtige Rolle in den Arbeitsprozessen spielt, werden am Standort Sande vornehmlich individuell Bauteile, wie zum Beispiel Brücken, gefertigt. In Hosena können Bauteile bis maximal 80 Tonnen, in Sande bis zu 120 Tonnen hergestellt werden. Die Züblin Stahlbau GmbH beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und ist weltweit tätig.
