Sande - Vorsicht, Tischkante: Die 16-jährige Noor bekommt kurz vor der Kollision noch die Kurve. Zusammen mit ihren Mitschülerinnen Shaona (14) und Daliah (13) sitzt sie an einem Tisch im Klassenraum der 8.2 in der Oberschule Sande. Doch Noor ist gerade woanders – nicht in ihren Gedanken, sondern buchstäblich sehenden Auges: Die Schülerin hat eine Virtual-Reality-Brille (VR) der Marke Oculus Go aufgesetzt und befindet sich mitten in einem 360-Grad-Video über Pflegeberufe.
So sieht Berufsorientierung im Jahre 2021 aus. Klar, den obligatorischen Besuch im Berufsinformationszentrum, den schon Generationen von Schülerinnen und Schülern absolvierten, gibt es heute ebenso noch wie Praktika. Außerdem eine Vielzahl von Angeboten, die frühere Schülergenerationen nicht hatten. In Sande rühmt man sich, bei der Berufsorientierung dank vereinter Kräfte besonders gut aufgestellt zu sein. Aber gerade in Zeiten der Pandemie ist die virtuelle Berufsorientierung nicht nur eine Ergänzung, sondern ermöglicht mit Blick auf die vergangenen Monate überhaupt den hautnahen Blick in die Praxis.
Mareke Klesse hat als Koordinatorin der Schule dieses neuartige Angebot organisiert. Es wird mit Unterstützung aus der Wirtschaft von einem Unternehmen in Berlin bundesweit angeboten. Schulen können jeweils drei VR-Brillen für Projekttage zwei Mal pro Halbjahr kostenlos ausleihen. Die Schülerinnen und Schüler wählen aus einem umfangreichen Katalog von Berufen, die mit einer Erzählerin oder einem Erzähler in dem Film dargestellt werden. Flankiert wird das Ganze mit YouTube-Videos und Aufgaben auf Übungszetteln. „Dein erster Tag“ lautet der Titel.
Klassenlehrerin Ina Hinrichs sitzt am Tisch von Magnus (13) und Hamed (15). Die beiden schreiben gerade auf, welche Berufe sie sich vorstellen können – und welche nicht. Lehrer an der Oberschule zu werden, das ist für die beiden – zumindest aus heutiger Sicht – alterstypisch undenkbar. Stattdessen wollen sie beide gerne Autohändler werden. Bei den Mädchen vom Nachbartisch steht die Arbeit im Hotel hoch im Kurs. Gewisse Präferenzen sind bei den Teenagern durchaus zu beobachten, bestätigt Mareke Klesse. Aber das sei das Tolle an dem barrierearmen Angebot: Die Schülerinnen und Schüler können so auch mal ganz unverbindlich in Berufe hineinschnuppern, die sie noch nicht aus privatem Erleben kennen.
Hinter den Schulen liegen schwierige Monate in der Berufsorientierung. Fest eingeplante Angebote fielen reihenweise aus, lassen sich teilweise auch nur schwer nachholen. Für November und Mai hofft die Koordinatorin auf Praktika, die jetzt zugesagt sind, aber natürlich von der Pandemie-Entwicklung abhängen. In der Schülerschaft bemerke sie schon so etwas wie eine Nervosität. Das habe mit der Rückkehr zum normalen Schulalltag zu tun. Aber die Pandemie trifft die jungen Menschen eben auch in einer sensiblen Lebensphase, in der Weichen gestellt werden. Tischkanten sind da noch das kleinste Hindernis.
