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Heimatgeschichte Falsche Aale statt echter Pferdeköpfe

Martin Noormann

Sillenstede - Ein Wappen und ein manchmal kostspieliges Logo ist für eine Stadt oder Gemeinde heute fast unverzichtbar. In der Mehrzahl der Landgemeinden waren solche Symbole in früheren Jahrzehnten noch nicht von so großer Bedeutung. Bis zur ersten umfassenden Gebietsreform im früheren Freistaat Oldenburg führte die Mehrzahl der überwiegend kleineren Gemeinden noch kein Wappen, an ein Logo wurden keine Gedanken verschwendet.

Das änderte sich nach der Gebietsreform von 1933. Die neuen Großgemeinden wollten ihr Image pflegen. Der größere Teil von ihnen erhielt in den Jahren bis 1939 ein eigenes Wappen. Bei der weitgehenden Rückabwicklung der Gebietsreform 1948 verblieb das Wappen fast immer jener Gemeinde, die den bisherigen Gemeindesitz in ihrem Gebiet hatte. Die wieder gebildeten weiteren Gemeinden standen ohne ein solch schönes Symbol da.

So erging es auch der alten Gemeinde Sillenstede, die 1933 in der Großgemeinde Knyphausen mit Sitz in Fedderwarden aufging und 1948 wieder eigenständig und um Accum vergrößert wurde. Der Mangel an einem eigenen Symbol rief die Mitglieder des neuen Rates und mit ihnen auch die Verwaltung der wiedererstandenen Gemeinde Sillenstede auf den Plan. Es wurde nach einem geeigneten Symbol gesucht.

Motive aus Volkstum

Das Oldenburger Staatsarchiv erklärte damals, dass es in Sillenstede keine heraldische Tradition gebe. Man musste daher geeignete Wappenmotive finden. Gegen das Vorhaben, einen Pferdekopf in das Wappen aufzunehmen, bestanden allerdings Bedenken. Pferd oder Pferdekopf wurden bereits von einer südoldenburgischen sowie von einer jeverländischen Nachbargemeinde im Wappen geführt. Dabei hätte gerade das Pferd wegen der Pferdezucht, des erfolgreichen Reit- und Fahrvereins und der langjährig aktiven Hengsthaltungsgenossenschaft Accum gut als Symbol zu Sillenstede gepasst.

Direktor Dr. Lübbing vom Staatsarchiv empfahl seinerzeit deshalb nach anderen Motiven aus dem Volkstum der Gemeinde zu suchen. Sillensteder Grütze soll früher in Jever verkauft worden sein. So wurde angeregt, aus volkskundlichem Grund einen Grütztopf in das Sillensteder Gemeindewappen zu übernehmen. Dem sollte allerdings noch ein weiteres Motiv hinzugefügt werden.

Bei Strackerjan findet man unter Sillenstede das Knip­hauser Sprichwort „De Sillensteder Wiwer sünd bi’t Goseplücken“. So könnte man auch einen Gänsekiel mit übernehmen. Außerdem gibt es die Geschichte, dass die Sillensteder von ihren Nachbarn „Putenfanger“ oder „Putaale“ genannt wurden, weil sie einst beim Aalpricken nichts als Put­aale (Schlammpeitzer) fingen, die sie als Quabben verzehrten. Unter Anspielung auf diese Geschichte hat der frühere Heimatforscher Georg Janßen einen Aal neben anderen Motiven in sein Familienwappen übernommen. Laut Lübbing wäre es ein „heraldisch und volkskundlich willkommener Gedanke, solche alten Überlieferungen in heraldisch sinnfälliger Weise lebendig zu erhalten“.

Die Oldenburger Unterstützung nahm die Gemeinde Sillenstede an und so wurde ein dreiteiliges Wappen gestaltet. Im oberen Teil wurden drei gelbe Kiebitzeier auf blauem Grund vorgesehen. Im mittleren Feld werden auf einem gelben Grund zwei Schlammpeitzer und im unteren Feld vor ei­nem rotem Grund der friesische Grütztopf gezeigt. Die Hintergrundfarben Blau, Gelb und Rot wurden auch die Gemeindefarben, die auf einer neuen Fahne zu sehen sind. Dabei hatte man sich in Abwandlung an die friesischen Fahne Gelb-Rot-Blau angelehnt.

Nur noch im Briefkopf

Das neue Wappen gestaltete der Maler Ludwig Jürgens aus Heidmühle. Der Sillensteder Rat beschloss das Motiv am 13. Februar 1950, und am 30. Januar 1951 wurde das Wappen vom Niedersächsischen Minister des Innern genehmigt. Damit hatte die wiedererstandene Gemeinde Sillenstede endgültig ein eigenes Zeichen. Allerdings hatte es nur etwas über 20 Jahre einen „offiziellen Wert“: am 30. Juni 1972 wurde Sillenstede in die Gemeinde Schortens eingegliedert.

Damit war das Wappen als offizielles Zeichen hinfällig geworden – ein wichtiges Symbol für Sillenstede ist es jedoch bis heute geblieben und wird von der Dorfgemeinschaft und vielen Vereinen im Briefkopf geführt.

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