Friesland - Blauer Himmel, gelber Löwenzahn blüht auf sattgrünen Wiesen, kleine Häuschen mit Gärten: Das Video, per Handy aus dem fahrenden Auto gedreht, zeigt eine Frühlingslandschaft, wie sie zarter nicht sein könnte.
Doch die Sanftheit dieser Bilder trügt. Das Auto rollt dem Krieg entgegen und fährt durch ein Land, in dem die Menschen gezwungen sind, diesen Krieg zu ertragen und in ihren Alltag zu integrieren. Geht das? „Ja, das geht, das muss gehen. Und die Menschen tragen diese furchtbare Situation mit einer Tapferkeit, die einfach unglaublich beeindruckend ist.“ Bei diesen Worten muss Bettina Schild schlucken. Gemeinsam mit Renate Brunken hat sie diese Woche Hilfsgüter in die Ukraine gebracht; das oben erwähnte Video hat sie aufgenommen. Zwei Frauen, ein Auto, ein Pferdeanhänger – und der war voll mit Sachen, die die Zivilbevölkerung dringend benötigt.
Ihr Anlaufpunkt in Solotschiw in der Nähe von Lwiw war ein Kosmetikstudio. Das wurde von Besitzerin Olena kurzerhand zum Verteilzentrum von Hilfsgütern umfunktioniert. Hier sitzen die beiden Frauen aus Friesland mit anderen Frauen am Tisch. Die berichten vom Alltag im Krieg – vom Krieg im Alltag. Gerade haben sie erfahren, dass 13 Menschen – Ärzte, Nachbarn, Kollegen, Freunde – an der Front gestorben sind, weil sie keine Munition mehr hatten, sich zu verteidigen. Und während die Frauen irgendwie versuchen, den Heimtransport der Leichen zu organisieren, servieren sie Borschtsch, berichten über ukrainische Traditionen und die Schönheit ihrer Stadt, sind Gastgeber und Dolmetscher zugleich. „Und zwischendurch wischen sie sich verstohlen eine Träne weg. Sie versuchen, trotz allem ihre Würde zu bewahren“, erzählt Bettina Schild, die – wieder zurück am beschaulichen Deich in Elisabethgroden – das Erlebte auch erst einmal verarbeiten muss.
In ihrem Kopf sind die Bilder der Schützengräben, der bis an die Zähne bewaffneten Soldaten, der Straßensperren und der verhüllten Straßen- und Ortsschilder, damit dem Russen die Möglichkeit der Orientierung genommen wird.
„Es ist ein wunderschönes Land mit so herzlichen Menschen“, berichtet die Wangerländerin weiter, für die es die erste Fahrt in die Ukraine war. Für Renate Brunken war es der mittlerweile sechste Hilfstransport. In Solotschiw wurden die Spenden, die die beiden Frauen brachten, bereits sehnsüchtig erwartet, vor allem die Medikamente. So sind zum Beispiel Halsschmerztabletten in der gesamten Ukraine Mangelware. Corona? Im Krieg ist das Virus kein Thema mehr. Abstände, Masken – das war gestern. Jetzt geht’s ums Überleben. Und wer Halsschmerzen hat, hat eben Halsschmerzen.
„Die Menschen sind tiefgläubig. Und der Glaube hilft ihnen ungemein. Du siehst die Menschen beten und weißt, wofür sie alle beten“, sagt Bettina Schild. Den beiden Frauen wurde ein Kloster gezeigt, eine kleine Führung, abseits von Luftalarm, Hunger und Tod.
„Wenn man das alles gesehen hat, kann man nicht aufhören zu helfen“, so die Wangerländerin. Am meisten helfen würden Geldspenden, denn dann könne gezielt eingekauft werden, vor allem Arznei. Schon jetzt ist klar, dass es am 15. Mai den nächsten privaten Hilfstransport nach Solotschiw geben soll, dann fahren Renate Brunken und ihr Mann. Wie lange diese Fahrten noch möglich sind? „Wir wissen es nicht“, sagt Bettina Schild. Das Netzwerk ist allerdings so aufgebaut, dass die Hilfsgüter aus Friesland bis ins polnische Krakau gebracht werden und von dort aus weiter in die Ukraine verteilt werden können. Bettina Schild: „Wichtig ist, dass die Hilfe konstant weitergeht. Die Menschen dort brauchen uns.“
