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Schutz vor Corona Nach Vorfall im Impfzentrum Friesland werden Blutproben entnommen

Malte Kirchner

Roffhausen - Von außen drücken der Sturm und der Regen gegen die flatternden Zeltwände, im Inneren ist es erstaunlich warm in dem Rot-Kreuz-Zelt, das auf dem rückwärtigen Parkplatz des Impfzentrums Friesland steht. Rot-Kreuz-Helfer treffen die letzten Vorbereitungen an diesem Mittwochmorgen. Um 10 Uhr erwarten sie die ersten Menschen, denen sie eine Blutprobe entnehmen. Die Stimmung ist konzentriert, aber herzlich, während Journalisten mit Fernsehkameras und Fotoapparaten um sie herumwirbeln, um Bilder für ihre Medien einzufangen.

Der Anlass ist freilich kein schöner: „Das haben sich die Geimpften sicher auch nicht träumen lassen, dass sie hier auf einem Parkplatz zum Blutabnehmen antreten müssen“, stichelt ein Journalist und deutet auf das Pflaster am Boden. Ein medizinischer Stuhl mit Armlehne steht dort, wo in einer Parkbucht sonst Autos stehen.

Nach dem Schock darüber, dass eine Mitarbeiterin im Impfzentrum ein Missgeschick, das Fallenlassen eines Fläschchens Impfstoff, verheimlichen wollte, indem sie stattdessen nur Kochsalzlösung in den Spritzen aufzog, ging es gestern darum, den Schaden zu beheben. Es geht um sechs Spritzen, die statt des Gemischs aus Kochsalzlösung und Vakzin nur den Verdünner enthielten. 197 Menschen, die am Vormittag des 21. Aprils ihre Impfung erhielten, kommen dafür in Frage, die Spritzen erhalten zu haben.

Herauszufinden ist das nur mit einer Blutprobe. Der Körper bildet schon nach der ersten Verabreichung Antikörper. Wer die im Blut aufweist, wurde geimpft, so Dr. Henning Fründt, Impfarzt in Roffhausen. Wer also keine hat, muss nachgeimpft werden. Der Termin dafür am 12. Mai steht bereits.

Dritte Impfung geplant

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Da sind zum einen die, die trotz Erstimpfung keine Antikörper gebildet haben. Das komme immer wieder vor, so Dr. Fründt, und das besage auch nichts über den trotzdem vorhandenen Immunschutz. Aber weil sie eben ein Zweifelsfall sind, sollen diese Menschen sicherheitshalber einmal mehr geimpft werden.

Gleiches gilt auch für die 77 Menschen, die an dem April-Tag ihre Zweitimpfung erhielten. Zumeist handelt es sich dabei um 80- bis 100-Jährige, also die besonders vulnerable Gruppe. Da der Antikörpertest bei bereits Geimpften sinnlos ist, werden sie auf jeden Fall eine dritte Impfung erhalten. Dieses Vorgehen wurde mit dem Paul-Ehrlich-Institut als Expertenstelle und übergeordneten Behörden im Land abgestimmt.

Eine dritte Immunisierung ist laut Dr. Fründt unschädlich. Es können höchstens die bei allen Impfungen bekannten Nebenwirkungen auftreten.

Ergebnisse am Montag

Die Blutproben, die gestern in Roffhausen und von 40 Menschen vor dem Kreisdienstleistungszentrum in Varel in einem weiteren DRK-Zelt genommen wurden, brachte das Rote Kreuz noch in der Nacht in ein Labor nach Hannover. Der Landkreis rechnet frühestens am Montag mit den Ergebnissen. Sobald sie vorliegen, sollen alle Getesteten angerufen und informiert werden.

Eine Vertrauensfrage

Trotz aller Umstände: Der Impfschutz ist am Ende leichter wiederherzustellen als das Vertrauen, das am 24. April, drei Tage nach dem Vorfall, mit dem Bekanntwerden verloren ging. Nun müssten die Institutionen zeigen, dass sie mit menschlichem Fehlverhalten sorgsam umgehen, sagt Frieslands Landrat Sven Ambrosy.

Erste Maßnahmen gab es sofort: Als sich die Mitarbeiterin einer Kollegin anvertraut hatte und die nach einem freien Tag den Leiter des Impfzentrums informierte, setzten die Verantwortlichen gleich alle Hebel in Bewegung. Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten, Landesbehörden wurden konsultiert und beim weiteren Aufziehen von Spritzen im Labor das Vier-Augen-Prinzip eingeführt. Der Fall schlug in den Medien solche Wellen, dass mittlerweile landesweit auf Anweisung immer zwei Personen hinschauen, wenn die Spritzen aufgezogen werden, so Ambrosy. In der Altenpflege sei das bei der Medikamentenvorbereitung schon lange üblich.

Immenser Schaden

Nein, die menschliche Tragödie der Frau, die all das auslöste und beim Kreisverband Jeverland des DRK sofort ihren Job verlor, verkenne er nicht, sagt Ambrosy. „Sie ist gestraft genug.“ Aber es sei eben auch kein harmloses Vorkommnis. Diejenigen, denen die Impfdosis vorenthalten wurde, könnten sich infizieren und an Covid-19 sterben. Körperverletzung durch Unterlassung wäre das im strafrechtlichen Sinne. Schon die erste Dosis habe laut Studien eine Schutzwirkung von etwa 70 Prozent. Aber auch den 191 Menschen, die tagelang in Ungewissheit schwebten, sei ein Schaden entstanden.

Bewegende Szenen

Am Bürgertelefon, das der Kreis eingerichtet hat und das auch die Geimpften am Nachmittag des 21. Aprils informierte, hätten sich bewegende Szenen abgespielt, berichtete Ambrosy.

Die folgenschwere Entscheidung, die Spritzen ohne Impfstoff auf das Tablett zu legen, war laut Polizei eine spontane Handlung im Affekt, wie dem Landkreis mitgeteilt wurde.

Vor allem in sozialen Medien wurde viel über die Beweggründe der Frau diskutiert. War der Arbeitgeber zu streng? Oder war die Frau zu ängstlich? „Das Herunterfallen-lassen alleine hätte zu keinen Konsequenzen geführt“, beteuert Ambrosy nach weiteren Gesprächen mit dem DRK. „Es wäre wirklich unproblematisch gewesen, wenn sie es einfach gemeldet hätte.“

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