Roffhausen/Solotschiw - Wer Renate Brunken kennt, weiß: Diese robust-anpackende Frau erschüttert so schnell nichts. Doch was ihr diese Woche nachts an der ukrainisch-polnischen Grenze widerfahren ist, hat selbst die bodenständige Friesin erschüttert. Sie fühlte sich den polnischen Grenzern ausgeliefert, die ihr zuvor ihren Pass abgenommen und sich jeglicher vernünftigen Kommunikation und Klärung verweigert hatten. Die dreiste Schikane gipfelte schließlich darin, dass sie mitten in der Nacht, in Begleitung bewaffneter Militärs, über die Grenze gebracht wurde – zurück in die Ukraine.
Keine Kommunikation
Was war passiert? Renate und Ralf Brunken waren in der Nacht von Samstag auf Sonntag, 15. Mai, zu ihrem privaten Hilfstransport nach Solotschiw, 100 Kilometer östlich von Lwiw, aufgebrochen. An Bord des gemieteten Sprinters: Medikamente, Lebensmittel und andere dringend benötigte Spenden. Für Renate Brunken war es die mittlerweile siebte Fahrt mitten rein in das Land, in dem seit nunmehr fast einem viertel Jahr Krieg herrscht. Die Stimmung in dem ukrainischen Hilfsteam vor Ort war gedrückt. Gerade war die Nachricht gekommen, dass wieder einer der ihren bei Kämpfen ums Leben gekommen war. Die Hilfsgüter wurden wie immer schon sehnsüchtig erwartet, die Freude darüber war groß. Brunkens, dieses Mal in Begleitung ihres Jack Russel Terriers „Hope“, traten die Rückreise an, froh, auch diesen Hilfstransport sicher ans Ziel gebracht zu haben.
Sie passierten die ukrainische Grenze ohne Probleme, und auch auf polnischer Seite erwarteten sie eine Abfertigung wie immer. Doch weit gefehlt. Die Papiere für ihren Hund nahmen die Grenzer genauer unter die Lupe. Das Tier besitzt den vorgeschriebenen EU-Pass, ist gechipt und gegen Tollwut geimpft. Es ging wohl um eine fehlende Antikörper-Bescheinigung. Renate Brunken sollte einen Fragebogen ausfüllen, die Zöllner ließen sich ihren Reisepass geben. Und der ist aufgrund der sieben Hilfsfahrten in die Ukraine natürlich voller Stempel. Da stimmt was nicht, mutmaßten die Grenzposten. „Sie dachten wohl, ich würde Tiere schmuggeln. Und was dann abging, kann sich niemand vorstellen“, erzählt Renate Brunken.
Aggressives Auftreten
Eine Veterinärin sei sehr lautstark und aggressiv im Auftreten gewesen, alle sprachen nur polnisch, niemand englisch. Auch auf ihr Bitten, doch zu erklären, was los sei, zu übersetzen oder englisch zu sprechen, habe niemand reagiert. Im Gegenteil. „Die sind richtig vor mir weggelaufen. Ich stand da und habe gefleht: I need help! Translate!“. Dass sie mit der Blücher-Stiftung zusammenarbeitet und nur Spenden in die Ukraine gebracht hat, interessierte niemanden. Ihren Pass hatten die Zöllner mittlerweile einbehalten, in ihrer Not rief die Friesin eine polnische Bekannte in Friesland und ihren Tierarzt an, damit diese übersetzen beziehungsweise bei der Aufklärung unterstützen konnten.
Doch auch damit kam Renate Brunken nicht weiter. „Die hätten einfach den Chip meines Hundes auslesen müssen, dann hätten sie alles über das Tier gewusst, auch, dass es mein Hund ist. Doch die Mühe hat sich dort niemand gemacht.“
Irgendwann, es war spät am Abend und die polnische Veterinärin längst im Feierabend, hatte Renate Brunken ihren Pass immer noch nicht wieder bekommen. Der polnische Zöllner wiederholte ständig nur „Return, return!“. Brunken: „Die wollten mich, eine EU-Bürgerin, aus dem EU-Land Polen zurück in die Ukraine schicken.“ Hinzu kam, dass sie mit dem gemieteten Sprinter dringend tanken mussten, allerdings fehlte der Adapteraufsatz, um das Benzin vom Kanister in den Tank zu füllen. In ihrer Not rief sie Bettina Schild (Wangerland) an. Die saß, gemeinsam mit ihrer großen Tochter, 15 Minuten später in ihrem Auto und fuhr Richtung Ukraine, damit wenigstens Ralf Brunken wieder nach Hause auf den Hof in Roffhausen zurückkehren konnte. Die Brunkens stellten sich irgendwann, völlig erschöpft, mit dem Fahrzeug auf einen Parkplatz, um ein wenig im Auto zu schlafen und am Morgen die Deutsche Botschaft in Warschau anzurufen.
Mitten in der Nacht, gegen zwei Uhr, klopfte es laut an der Autotür. Bewaffnete Zöllner forderten sie auf, das Grenzgebiet zu verlassen und in die Ukraine zurückzukehren. Und noch immer gab es keinerlei Aufklärung oder zumindest den Versuch einer Aufklärung, warum sie nicht weiterfahren durfte. Die Brunkens einigten sich schnell, dass ihr Mann mit dem Auto Richtung Heimat fuhr.
Über Ungarn zurück
Für Renate Brunken wurde, mit militärischem Geleitschutz, ein Tor geöffnet, durch das sie mitten in der Nacht in die Ukraine zurückgeführt wurde. Ihren Pass hatte man ihr wieder zurückgegeben. An einer Tankstelle wartete sie mit „Hope“ auf Bettina Schild, die ja schon unterwegs war. Die Wangerländerin gabelte ihre Freundin schließlich kurz hinter der Grenze in der Ukraine auf, fuhr etliche Stunden durch das Land, um über Ungarn, Slowakei und Tschechien im Riesenbogen um Polen herum nach Deutschland zurückzufahren.
„Wir wurden behandelt wie Schwerverbrecher. Es war einfach nur unfassbar“, erzählt Renate Brunken, die am Freitag ein Schreiben an die Deutsche Botschaft geschickt hat, inklusive einer Bescheinigung über Spenden und Transporte an die ukrainische Hilfsorganisation, die ihr Olena aus Solotschiw ausgestellt hat.
Auch wenn das Erlebnis noch tief in den Knochen sitzt, steht für Brunken fest: Es werden weiter Spenden gesammelt und es wird einen nächsten Hilfstransport geben.
