Roffhausen/Varel/Friesland - Nun gilt es also: Die Priorisierung für die Corona-Impfung wird an diesem Montag aufgehoben. Jeder, der über 12 Jahre alt ist und sich impfen lassen möchte, kann sich jetzt auf eine Warteliste setzen lassen. Diese Möglichkeit gilt sowohl für die Warteliste des Impfzentrums als auch für die der Arztpraxen. Doch was halten die Ärzte selbst von der Aufhebung der Impfpriorisierung? Erwarten sie einen Ansturm auf die Praxen? Und wie gehen sie jetzt damit um?
Ansturm erwartet
Jens Wagenknecht ist Vorsitzender des Vorstandes der Ärztekammer Niedersachsen, Bezirksstelle Wilhelmshaven. Außerdem ist Wagenknecht Hausarzt in Varel und impft selbst. Wie geht er also mit der Aufhebung um?
Durch das Entfallen der gesetzlich festgelegten Reihenfolge, würden sich nun natürlich alle Impfwilligen melden, stellt er fest. Doch einen Ansturm auf die Warteliste konnte Wagenknecht schon in den vergangenen Wochen in der eigenen Praxis spüren. Viele junge und gesunde Menschen hätten sich zuletzt angemeldet, berichtet der Vareler Hausarzt. Doch Wagenknecht macht deutlich: „Ich bestimme, wen ich zum Impftermin einlade.“ Dafür schaue er in seiner Warteliste zuerst auf die älteren Menschen mit Vorerkrankungen und die Gefährdeten, unabhängig von der Aufhebung. „Ich halte an der Priorisierung fest“, sagt Wagenknecht. Er geht auch davon aus, dass sich viele seiner Berufskollegen ebenfalls so verhalten werden. Es gehe im Kampf gegen die Corona-Pandemie vor allem darum, Menschen vor schweren Verläufen zu schützen und Intensivstationen zu entlasten, und nicht darum, mit einer Impfdosis jemandem die nächste Reise in den Sommerurlaub zu ermöglichen.
Geduld gefragt
Die deutschen Ärzte haben die Bevölkerung angesichts der Aufhebung der Impfpriorisierung in den Praxen ab Montag zu Geduld und Rücksicht aufgerufen, das teilt der Evangelische Pressedienst (Epd) mit. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte dem Epd, die Kassenärztliche Bundesvereinigung treibe „Volksverdummung“. Denn: „Schließlich war es dieser Ärzteverband, der die Impf-Priorisierung seit Monaten torpediert hat“, sagte Brysch.
Das Ende der „ethischen Reihenfolge“ und der Mangel an Impfstoffen führten vorhersehbar zu einer Überlastung der Praxen. Viele Mediziner blicken nach Informationen der Deutschen Presseagentur daher mit Sorge auf die Aufhebung der Impfreihenfolge. Haus- und Fachärzte seien schließlich für die medizinische Grundversorgung verantwortlich. „Die vielen zusätzlichen Anfragen von Impfwilligen, denen jetzt praktisch nicht geholfen werden kann, gefährden diesen ärztlichen Sicherstellungsauftrag.“
Auch Jens Wagenknecht hat mit vielen Impfanfragen in seiner Praxis zu tun. Daher seien er und sein Team schon seit längerer Zeit dazu übergegangen, Diskussionen zum Thema Impfen nicht mehr am Telefon zu führen– das könne im Praxisbetrieb nicht auch noch zusätzlich geleistet werden. „Der Druck ist enorm“.
Allerdings sagt Wagenknecht auch, dass die meisten Patienten geduldig seien. Was ihm allerdings mehr Sorgen bereite, ist, dass sich eher Sozialschwache aus dem Wartelistengeschehen raushielten. Er habe niemanden auf seiner Liste, der aus einer Großfamilie z. T. mit Migrationshintergrund stamme. Keinen Menschen mit einem Risikoverhalten, so Wagenknecht. Diese Menschen seien zwar Patienten bei ihm, engagieren sich aber weniger um einen Wartelistenplatz. Das sei ein Grundproblem beim Impffortschritt: „Wir müssen die ansprechen, die sich nicht melden“, sagt Wagenknecht, um Infektionsketten langfristig durchbrechen zu können und Ausbrüche zu stoppen.
Konzept Massenimpfung
Manche Ärzte boten in der Vergangenheit bereits Impfdosen losgelöst von der Priorisierung an: Bei sogenannten Massenimpfungen erhielt jeder, der vorbeikam, eine Impfung – solange der Stoff reichte. Könnte diese Methode nun mit dem Entfallen der Impfreihenfolge ein geeignetes Zukunftsmodell sein? Nicht für Jens Wagenknecht. Er macht sehr deutlich, was er von solchen Aktionen hält: „Massenimpfungen halte ich für grundfalsch“, hierbei werde ohne Rücksicht auf Verluste das verimpft, was da sei. Wagenknecht kritisiert, dass hierbei zu wenig auf das Alter der Patienten geschaut werde und die Ärzte mögliche Risiken, wie Thrombose, womöglich nicht genau im Blick hätten.
Zu den genutzten Impfstoffen bei diesen Aktionen zählten bekanntlich Astrazeneca und Johnson&Johnson, sogenannte Vektor-Impfstoffe. Bei diesem Impfstofftyp wird ein Virus als Transportmittel eingesetzt. Man nennt es Vektor. „Niemand unter 40 bekommt bei mir einfach so eine Vektor-Impfung“, sagt Wagenknecht.
