Hannover - Auf das Tabu-Thema Analphabetismus soll der Weltalphabetisierungstag an diesem Sonntag, 8. September, aufmerksam machen. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Analphabeten. Allein in Niedersachsen seien etwa 750 000 betroffen – das ergeben Schätzungen des Wissenschaftsministeriums. „Die steigenden Anforderungen in der Gesellschaft machen das Phänomen erst sichtbar“, sagt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung.

Vor allem ältere Menschen könnten schlechter lesen und schreiben, erklärt Hubertus. „Früher hatte jeder seinen Platz in der Gesellschaft, jetzt kommen mehr Menschen nicht mehr mit ihren Kompetenzen aus.“ Doch den Betroffenen fehle der Mut, sich ihrem Problem zu stellen. Darunter seien auch viele junge Menschen. „Erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, findet ein Umdenken statt.“ Bundesweit besuchten nur etwa 20 000 Analphabeten Lese- und Schreibkurse.

„Das Kursangebot besteht, die betroffenen Personen existieren, aber die Besetzung der Plätze gestaltet sich als schwierig“, berichtet auch Kay Sulk vom niedersächsischen Landesverband der Volkshochschulen. Dabei unterstützten die Kurse die Betroffenen auch auf psychischer Ebene. „In diesem Rahmen kann das erste Mal offen darüber gesprochen werden, wie der Alltag geregelt wird.“

Um die Zahl der Analphabeten zu senken, wurden in Niedersachsen seit 2011 an fünf Standorten Grundbildungszentren eingerichtet. Bis 2016 werde die rot-grüne Landesregierung die Arbeit fortsetzen und drei weitere Zentren einrichten, kündigte Werner Nording, Sprecher des Wissenschaftsministeriums an.

Veränderungen muss es Ursel van Overstraeten vom Bildungswerk der Gewerkschaft Verdi zufolge bereits im Schulsystem geben. Denn Schüler mit extremen Lese- und Schreibschwächen würden nicht gefördert, über Probleme in den Klassen werde hinweggesehen. Sie fordert: „Alphabetisierung muss aus der Tabu-Zone kommen.“