Frau Heiligenstadt, wie ist der Stand der Umfrage unter den 86 000 Lehrkräften im Land zur Belastung mit Bürokratie?

HeiligenstadtWir sind gerade dabei, Struktur und Inhalte festzulegen und im Gespräch mit einer Universität über die Durchführung der Online-Umfrage. Die Umfrage selbst findet im zweiten Schulhalbjahr, also bis Mitte Juni, statt. Die Ergebnisse sollen dann nach den Sommerferien vorliegen.

Wie ist bislang die Resonanz?

HeiligenstadtEnde des Monats findet ein Auftaktgespräch mit den Verbänden statt. Wir knüpfen dabei an das bereits vorhandene Forum zur eigenverantwortlichen Schule und die Arbeitsgruppe Grundschule an und wollen bei der Umsetzung auch Vorschläge der Verbände berücksichtigen. Die ersten Rückmeldungen sind positiv.

Ein anderer Sachstand: Wie läuft die Umstellung auf das alte Abitur nach neun Jahren an Gymnasien?

HeiligenstadtMein Eindruck: Dafür, dass wir vier Jahrgänge auf einmal – von der 5. bis 8. Klasse – umgestellt haben, läuft es geräuschlos. Natürlich ist es auch einfacher, Lerninhalte zu strecken, als zu komprimieren. Den Schulen liegen die KernCurricula vor. Zu klären sind nur noch einige Details und Anpassungsfragen.

Welche?

Heiligenstadt Zum Beispiel geht es um Schülerinnen und Schüler, die im kommenden Jahr die 10. Klasse verlassen und etwa von der Realschule auf ein Gymnasium wechseln wollen. Sie müssten sich entscheiden, ob sie nach zwölf oder 14 Jahren das Abitur machen wollen. Aber auch hier arbeiten wir an Lösungen.

Sonst sehen Sie keine Probleme?

HeiligenstadtInteressant wird es, wenn die ersten Abiturientinnen und Abiturienten nach 13 Jahren das Gymnasium verlassen – voraussichtlich im Schuljahr 2020/21. Für den Jahrgang brauchen wir ausreichend Lehrkräfte, während es in dem Schuljahr zuvor keine Absolventinnen und Absolventen an Gymnasien gibt – mit Ausnahme von denen, die ein Schuljahr wiederholen oder an den beruflichen Gymnasien und Gesamtschulen ihr Abitur abgelegen.

Ganztagsschulen liegen voll im Trend. Geht dieser Trend weiter?

HeiligenstadtDas hoffe ich! In Niedersachsen haben wir zurzeit fast 61 Prozent Ganztagsschulen, deren Angebot 41 Prozent aller Schüler wahrnehmen. Neue Zahlen kommen, wenn die Statistik ausgewertet ist…

Aber die werden noch höher liegen?

HeiligenstadtWir erleben eine permanente Steigerung. Als Rot/Grün anfing, hatten wir rund 300 000 Schülerinnen und Schüler an Ganztagsschulen. Heute sind es 33 000 mehr als 2013. Diesen Trend wollen wir fortsetzen. Wir rechnen zum nächsten Schuljahr wieder mit einer ganzen Reihe neuer Anträge auf Ganztagsschulen. Aber wichtiger als die Quantität ist für mich die Qualität – wir wollen gute Ganztagsschulen.

Ist ein Ganztagsangebot ein Wettbewerbsvorteil für Schulen?

HeiligenstadtIch erlebe, dass Schulträger ganz bewusst sich für den Ganztag entscheiden, um Schulstandorte attraktiv zu machen. Das ist auch gut so. Gerade angesichts von Flüchtlingskindern. Dann wird nicht nur gemeinsam gelernt im Unterricht, sondern diese Kinder musizieren gemeinsam, treiben Sport, machen Hausaufgaben oder spielen einfach nur zusammen. So läuft Integration viel schneller.

Wie viel Sprachlernklassen gibt es?

HeiligenstadtWir haben das laufende Schuljahr mit 300 Sprachlernklassen begonnen. Momentan sind es 360, und wir werden zum 1. Februar voraussichtlich 460 Sprachlernklassen an allgemeinbildenden Schulen haben. Hinzu kommen an den Berufsschulen rund 100 weitere Sprachlernklassen und fast 100 Sprint-Klassen im zweiten Schulhalbjahr. Diese geben neben Sprachförderung auch eine Einführung ins Berufsleben und vermitteln zudem Alltagswissen für das Leben in Deutschland.

Der Finanzminister hat Ihnen aber einen Spielraum für 550 Sprachlernklassen an den allgemeinbildenden Schulen gegeben...

HeiligenstadtRichtig. Zusätzlich habe ich Geld für weitere Sprachförderung und Sprachkurse. Die Schulen können viele verschiedene Fördermaßnahmen anbieten.

Es gibt also keine Personalengpässe, um Sprachlernklassen zu bilden...

HeiligenstadtIn manchen ländlichen Regionen ist es leider schon so, dass es schwierig ist, ausreichend Personal zu finden. Für sechs Stunden Unterricht fährt niemand 60 Kilometer zur Schule. Geld für mehr Personal wäre da.

Etwas Geschichtsunterricht zum Schluss: Werden Sie Adolf Hitlers „Mein Kampf“ lesen? Den Schülern haben Sie es empfohlen…

HeiligenstadtIch hab’s nicht empfohlen! Ich bin gefragt worden, ob man die kritisch kommentierte Fassung an Schulen lesen kann. Das habe ich bejaht. Es kann im Unterricht eingesetzt werden, wie es im Geschichts- und Politikunterricht mit didaktisch begleiteten Originalauszügen schon immer stattgefunden hat. Ich werde das Buch nicht verbieten. Die Ursprungsfassung bleibt nach wie vor ein unsägliches Werk, dessen Verbreitung den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Punkt.