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Ads Die Mär vom Zappelphilipp

Tim Gelewski

BERNE - Eigentlich, ist es einfach. Im menschlichen Gehirn ist ein Botenstoff für die Übertragung von Signalen zuständig. Wenn dieser nicht optimal reguliert wird – dann, wird es kompliziert. Denn dann gerät das fragile Gleichgewicht der hochsensiblen Ich-Maschine ins Schleudern. Planen, konzentrieren, fokussieren – die höheren Handlungsfunktionen werden beeinträchtigt. Es geht ein bisschen zu wie auf einem Großflughafen. Und im falschen Moment stellt der Lotse seinen Dienst ein.

Das Lernen trainieren

Ein sonniger Freitag im Februar. In einem Nebengebäude der Uni Oldenburg sitzt Lea de Wit, 24, Studentin der Sonderpädagogik, an einem Tisch. Jasmin Wilde betritt den Raum, blondes Haar, grau-schwarze Kapuzenjacke, mint-grüne Leggins, schwarze Sneaker mit rosa Streifen. Die 13-Jährige besucht hier ein individuelles Training für ADHS-Betroffene. Vereinfacht könnte man sagen, Jasmin bekommt Nachhilfe. Doch nicht in Deutsch oder Mathe – für Jasmin geht es darum, das Lernen zu lernen.

Kaum eine Krankheit, oder besser neuronale Störung, ist so vorurteilsbehaftet wie ADS/ADHS. Betroffene Kinder gelten als Störenfriede, Zappelphillippe, die in normalen Schulen nichts zu suchen haben. Dabei sind die Chancen nicht schlecht, mit ADS/ADHS ein normales Leben zu führen.

Für Jasmin ist es die 13. von 16 Sitzungen. Seit sie herkommt, haben sich ihre Noten stark verbessert. Jasmin hat ADS – ohne Hyperaktivität. Sie ist das, was man salopp eine Träumerin nennen würde. Früher ist sie in der Schule abwesend, kommt nicht vom Klo wieder, fühlt sich nicht akzeptiert. Oft ist sie unglücklich deswegen. Manchmal weint und schreit sie. Ihre Mutter versucht dann, sie zu trösten.

Dabei hat das Mädchen viele Talente, Phantasie, ist kreativ. Jasmin denkt sich Geschichten aus. Später tanzt sie Ballett. Doch sie stellt hohe Ansprüche an sich. Mit Niederlagen kann sie schlecht umgehen. Schließlich lässt sie das Tanzen wieder. Sie bleibt selten lange bei einer Sache.

„Für Jasmin geht es darum, eine klare Struktur in Alltag und Lernen zu bekommen“, erklärt Lea de Wit. „Und darum, zu reflektieren. Warum man etwas tut.“ Jasmin muss bewerten, wie die Woche in der Schule lief, Aufgabenstellungen erklären, begreifen, wie man optimale Lernbedingungen zu Hause schafft.

Gemeinsam gehen beide ein paar Bögen durch. Jasmin fährt mit ihren rosa lackierten Fingernägeln über ihre Trinkflasche, knibbelt am Etikett herum. In der Schule hat sie sich etwas auf den Handrücken gekritzelt. Was, möchte sie nicht verraten. Sie lacht. „Ein Junge in der Klasse ärgert mich ziemlich“, sagt sie. Und zu Hause streitet sie sich öfter mit Bruder Timo. Heute geht es zügig voran. Lea de Wit lobt Jasmins Fortschritte.

Anerkennung hat für Kinder mit ADHS einen besonderen Stellenwert. Meist sind sie es gewohnt, seit frühester Kindheit gemaßregelt zu werden: Sitz still! Konzentrier dich! Pass besser auf! – Im Bildungssystem werden die Symptome der ADHS-Kinder unmittelbar sanktioniert. Was bei anderen Kindern den gewünschten Effekt zeigen mag, kann diese Kinder schnell in eine Abwärtsspirale stoßen, die in kompletter innerlicher Abkehr mündet. Besonders männliche Betroffene leiden. Jungs neigen eher zu Hyperaktivität – die Schulpädagogik hat darauf keine passende Antwort.

Klare Strukturen wichtig

„Die Kinder können im Prinzip alles. Nur das Ordnen von Informationen fällt ihnen schwer“, erklärt Dr. Martin Winkler, Experte für ADHS-Behandlung am Lüneburger Klinikum in Bad Bevensen. Für die Kinder sei es wichtig, klare Aufgaben zu bekommen. Und deren Sinn und Zweck zu begreifen. Viele ADHS-Kinder sind überdurchschnittlich intelligent. Oft sind sie besonders gut in Mathematik. Aufgabe, Lösungsweg, Ergebnis – klare Strukturen liegen ihnen.

„Ein eindeutiges Schema von Reiz und Reaktion“, sagt Winkler, „ist hilfreich“. Sport ist deshalb wichtig. Eine klare Aufgabe, die Kinder lernen mit ihren Defiziten umzugehen, sich zu verbessern. Wenn aber nicht auf sie eingegangen wird, kann dies schnell den gegenteiligen Effekt haben.

So wie bei Jasmins Bruder Timo. „Früher“, erzählt seine Mutter Carola Wilde, spielte Timo im Verein Tischtennis. „Das hat ihn begeistert.“ Bis zu dem Tag, als ein Trainer ihm sagt, dass aus ihm nie ein guter Spieler werden würde. Sofort verliert der Junge das Interesse, zieht sich zurück.

Anders als seine Schwester ist Timo (15) hyperaktiv. Wenn seine Mutter früher mit ihm unterwegs war, wusste sie nie, was passiert. Bevor sie nach Berne zog, wohnte die Familie bei Lüneburg, an einem Waldstück. „Er ist ständig die Bäume rauf. Einmal ist er auf eine Birke geklettert – höher als das Haus“, erinnert sie sich. „Manchmal ist er mit dem Roller die Rutsche auf dem Spielplatz runter gefahren. Man konnte ihn nie aus den Augen lassen.“

Als Kind kommt Timo in einen Sprachheilkindergarten. Später diagnostiziert ein Neurologe ADHS. Ergotherapie, Besuche bei einer Motopädin. In der zweiten Klasse bekommt er regelmäßig Medikamente: Medikinet.

Ein Jahr geht das gut. Doch der Junge verliert seinen Appetit, ist am Ende spindeldürr. Eine Nebenwirkung des Medikaments. Nicht bei allen tritt sie auf. Schließlich wird es seiner Mutter zu viel: Schluss mit den Medikamenten.

Jasmin und Timo wachsen unter schwierigen Bedingungen auf. Ihre Eltern trennen sich. Innerhalb eines Jahres sterben die Großeltern, die einen Hof in Mecklenburg-Vorpommern hatten. Timo erinnert sich gern zurück: „Es gab Tiere. Und eine Scheune, von deren Gebälk man ins Stroh springen konnte.“ Jasmin sagt, manchmal, wenn ihre Gedanken beginnen zu kreisen, „dann wünsche ich mich zurück auf den Bauernhof meiner Großeltern“.

„Manchmal fehlt schon der Vater“, sagt Carola Wilde. Darum ist sie froh, dass etwa das Training an der Uni bei Jasmin Wirkung zeigt – ohne Medikamente. Sorgen bereitet derzeit eher Timo. Der Teenager ist momentan in einer Trotz-Phase. Schule interessiert ihn wenig. Immerhin treibt er wieder Sport. Bogenschießen.

Die Medikamente gegen ADS/ADHS stehen in dem Ruf, Betroffene ruhig zu stellen, sie auf Sparflamme zu setzten. Widersinnig, wenn man bedenkt, dass Kinder, die nicht hyperaktiv sind, sondern zum Träumen neigen, mit den selben Medikamenten behandelt werden.

„Die Medikation ist ein wichtiger Bestandteil einer multimodalen Therapie. Sie hilft, das Gleichgewicht im Gehirn zu wahren“, erklärt Dr Martin Winkler. „Genauso wichtig ist aber Eltern-Aufklärung und eine Verhaltenstherapie, der tägliche Umgang mit ADS/ADHS, um Folgestörungen, wie etwa Depressionen zu vermeiden.

An Bedürfnissen vorbei

Auch am Schulalltag könnten die meisten ADHS-Kinder normal teilnehmen. Ein Problem ist, das Kinder bis zum zehnten Lebensjahr meist nur von Frauen umgeben sind – Mütter, Erzieherinnen, Lehrerinnen. „Die Schule ist eher auf die Bedürfnisse von Mädchen zugeschnitten. Die Träumer, meist Mädchen, fallen kaum auf. Hyperaktive Jungs werden, etwa nach Raufereien, direkt bestraft“, erklärt Winkler. Kleine Veränderungen seien nötig. Ein Privat-Gymnasium in Esslingen, Baden-Württemberg, macht es vor: Kleine Klassen, direktiver Unterricht. Die Kinder können sich nicht verkriechen, Ablenkungen werden minimiert, die Wände sind kahl.

Bei Jasmin Wilde hat das Training an der Uni Oldenburg Wirkung gezeigt. Sie besucht eine Hauptschulklasse auf der Oberschule in Berne. „Bald“, hofft sie, „wenn meine Noten stimmen, möchte ich auf die Realschule wechseln.“

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