BONN - Verdachtsfälle für sexuellen Missbrauch hat es in den vergangenen drei Jahren einer Studie zufolge in 70 Prozent der Heime gegeben. Schulen sind im Vergleich nur knapp zur Hälfte betroffen, wie aus einer am Mittwoch in Berlin vorgestellten Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts hervorgeht.
Mit zwei wissenschaftlichen Forschungsprojekten will auch die Deutsche Bischofskonferenz Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche weiter aufarbeiten. Nach Abschluss der Untersuchungen werde das bisherige Präventionskonzept noch einmal überprüft, sagte der Trierer Bischof Stephan Ackermann in Bonn.
Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), hatte die Studie beim Deutschen Jugendinstitut in Auftrag gegeben. Die Zahlen seien erschreckend und Missbrauch kein Thema der Vergangenheit, sondern der Gegenwart, sagte Bergmann, die seit April 2010 die bundesweite Anlaufstelle für Missbrauchsopfer leitet.
Projekte der Bischöfe
Für die Untersuchung befragte das Institut mit Einverständnis der Kultusminister rund 1100 Schulleitungen, 325 Heime und 100 Internate. Bayern verweigerte unter Hinweis auf datenschutzrechtliche Bedenken die Befragung.
Die deutlich höheren Raten bei den Heimen erklärte Instituts-Direktor Thomas Rauschenbach durch die hohe Intimität. Heime seien eine Art Ersatzfamilie. Wurden die Heimleitungen befragt, ob ihnen über die zurückliegenden drei Jahre hinaus ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch bekannt sei, gaben 82 Prozent dies an. Bei den Internaten waren es 69 Prozent, bei Schulen die Hälfte.
Mit Hilfe ihrer wissenschaftlichen Projekte will die Deutsche Bischofskonferenz verstehen, wie es zu den Ungeheuerlichkeiten sexuellen Missbrauchs durch Kleriker und kirchliche Mitarbeiter kommen konnte, sagte Ackermann. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, wird das erste Forschungsprojekt leiten, der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Universität Duisburg-Essen, Norbert Leygraf, das zweite. Leygraf plant mit seinem Projekt, ein umfassendes Bild von Täterpersönlichkeiten zu erstellen daraus sollen Vorbeugungsmöglichkeiten entwickelt werden.
Täter und Opfer
Im anderen Projekt geht es um eine Untersuchung des Verhaltens der Kirche gegenüber Tätern und Opfern. Hierzu würden in allen 27 Bistümern Personalakten der zurückliegenden zehn Jahre, in neun Bistümern bis 1945 zurück untersucht. Der Wochenzeitung Die Zeit sagte Pfeiffer, dass Missbrauchsfälle bei katholischen Priestern nicht weiter verbreitet seien als in anderen Bevölkerungsguppen. Es gebe Anhaltspunkte, dass die Priester im Vergleich zu Männern ihrer Altersgruppe unterrepräsentiert sind.
