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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Bildung

Die Ruhe vor dem Ansturm

25.09.2010

IM NORDWESTEN Norbert Brumloop ist Lehrer für Mathe und Physik, da muss er sich nicht ganz so streng an historische Fakten halten wie seine Kollegen vom Unterrichtsfach Geschichte. Also hat der Schulleiter die 100-Jahr-Feier des Gymnasiums Westerstede kurzerhand um ein Jahr vorverlegt: „Gebaut und eingeweiht wurde die Schule zwar 1911“, sagt er und lächelt listig, „aber beschlossen wurde alles bereits im Jahr 1910!“ Brumloop guckt stolz, mit diesem Kniff hat er vermutlich das Jubiläumsfest gerettet: So können 185 Gäste mehr an der Feier teilnehmen.

185 – das ist nämlich die Rekordzahl von Abiturienten, die Brumloops Schule 2011 verlassen werden. Weil in Niedersachsen die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt wird, gehen im kommenden Jahr der letzte 13er-Abiturjahrgang und der erste 12er-Abiturjahrgang gleichzeitig in die Prüfungen.

Schulleiter Brumloop sitzt in seinem Büro gleich gegenüber dem Lehrerzimmer, jetzt guckt er ein bisschen traurig: „Wir verlieren zwei Jahrgänge mit tollen Schülern auf einen Schlag“, sagt er. „Das reißt Löcher ins Schulleben: Bei der Theater-AG, beim Schulchor, überall werden sie fehlen.“

25 000 gehen auf die Suche

Doch während Brumloop Löcher stopfen muss, denken andere darüber nach, wie sie schnellstmöglich welche schaffen können: Denn irgendwo müssen die tollen Schüler ja alle bleiben.

Das Kultusministerium in Hannover hat ausgerechnet, dass sich im kommenden Jahr rund 25 000 zusätzliche Abiturienten um einen Ausbildungs- oder Studienplatz bemühen werden. Gut 2500 von ihnen werden wohl im Oldenburger Land vorstellig.

Die Agentur für Arbeit am Oldenburger Stau hat deshalb aufgerüstet: Zwei zusätzliche Beraterinnen haben dort ihren Job angetreten, „die Einarbeitung ist bereits abgeschlossen“, versichert Holger Conrad, Teamleiter der Berufsberatung. Auch die Abteilung „Arbeitgeberservice“ arbeitet schon auf Hochtouren: Die Kollegen telefonieren die regionalen Unternehmen ab, um möglichst alle offenen Lehrstellen im Vermittlungssystem der Agentur abbilden zu können. „Eine Fleißarbeit“, sagt Conrad. Mit steigenden Arbeitslosenzahlen wegen des Doppel-Jahrgangs rechnet der Teamleiter nicht: „Ich gehe ohnehin davon aus, dass der größte Teil der Abiturienten ins Studium gehen wird.“

Reden und rechnen

Im zweiten Stock des Ökozentrums am Oldenburger Uhlhornsweg fliegt die Glastür auf, Professor Dr. Mathias Wickleder stürmt ins Präsidium; er ist spät dran. Als Vizepräsident für Studium und Lehre ist der Chemiker „qua Amtes“ zuständig für den doppelten Abi-Jahrgang, wie er sagt. Er läuft den Flur hinunter zu seinem Büro, dort reißt er erst einmal eine Flasche Wasser auf. Der doppelte Abi-Jahrgang macht viel Arbeit, und Arbeit macht durstig, denn Arbeit heißt in diesem Fall: sehr viel rechnen und noch mehr reden.

450 zusätzliche Studienanfängerplätze fürs kommende Studienjahr richtet die Carl-von-Ossietzky-Universität ein, weitere sollen in den nächsten Jahren folgen. Finanziert werden die Plätze durch den Hochschulpakt 2020, „aber das“, sagt Wickleder, „ist kompliziert“.

Sieben Milliarden Euro geben Bund und Länder insgesamt für den Hochschulpakt aus. In Niedersachsen sind es 190 Millionen Euro in der ersten Phase des Hochschulpaktes, in der 11 200 zusätzliche Studienplätze geschaffen werden, und fast 700 Millionen Euro in der zweiten Phase, in der noch einmal 35 500 Plätze folgen. Die Finanzierung zieht sich bis ins Jahr 2018, und niemand an den niedersächsischen Hochschulen mag deshalb sagen, wie viel Geld sein Haus ganz genau bekommt. Wickleder weiß nur: „Das Geld reicht nicht, um die Plätze auszufinanzieren.“

Er sagt, geschaffen werden vor allem Plätze in den sogenannten MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, außerdem in Lehramts-Mangelfächern. Aber damit geht es schon los: Zusätzliche Studenten in den Naturwissenschaften brauchen nicht nur zusätzliche Professoren, sie brauchen auch zusätzliche Labor-Räume und Hörsäle. Bei den Lehramtsstudenten ist es ähnlich: Wenn das Mangelfach Musik heißt, brauchen sie zusätzliche Übungszellen und Instrumente. Als künftige Lehrer müssen sie zudem Seminare in der Pädagogik besuchen, „also müssen wir auch da aufstocken“, sagt Wickleder. Er gießt schnell Wasser nach.

Neue Studiengänge

Zusätzliche Studenten brauchen zusätzlichen Platz in der Uni-Bibliothek, und natürlich wollen sie auch essen, „was ist also mit der Mensa?“, fragt Wickleder. Dort gibt immerhin Studentenwerks-Sprecher Ted Thurner vorerst Entwarnung: „Die Infrastruktur ist da“, sagt er: „Wir waren an der Uni ja mal bei 13 000 Studenten, zuletzt waren es unter 10 000.“

Ähnlich wie in Oldenburg wird in diesen Tagen an allen niedersächsischen Hochschulen gerechnet und geredet. Überall schafft man mit Hochschulpaktmitteln Anfängerplätze und richtet sogar neue Studiengänge ein. So kann man zum Beispiel an der Jade-Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth künftig Assistive Technologien studieren, an der Hochschule Emden/Leer Enegieeffizienz und an der Uni Vechta Dienstleistungsmanagement.

Alles in allem schaffen die Hochschulen im Nordwesten mit ihren derzeit rund 25 000 Studenten zum kommenden Wintersemester knapp 1000 neue Studienplätze. Aber genügt das, um den zusätzlichen Andrang aufzufangen?

Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh geht davon aus, dass es im nächsten Studienjahr circa 35 Prozent mehr Studienanfänger geben wird und im Jahr darauf 34 Prozent mehr. Grundlage der Prognose ist die Annahme, dass die Abiturienten nicht alle sofort ein Studium aufnehmen wollen: Einige werden ein Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, andere Wehr- oder Zivildienst, weitere gehen zunächst ins Ausland. Aber: Was passiert zum Beispiel, wenn der Wehr- und Zivildienst im kommenden Jahr ausgesetzt wird?

2731 Bewerber, 180 Plätze

„Ob die Zahlen stimmen, weiß man erst hinterher“, befürchtet Helga Wilhelmer, Dezernentin für Studentische und Akademische Angelegenheiten an der Uni Oldenburg. In Oldenburg rechnet man aufgrund der CHE-Prognosen mit rund 600 zusätzlichen Studienanfängern im nächsten Jahr, „aber was heißt das fürs Immatrikulationsamt? Zuletzt hatten wir 12 000 Bewerbungen – kommen mit dem Doppel-Jahrgang doppelt so viele?“ Sorgen macht sich Wilhelmer vor allem um die Numerus-Clausus-Fächer: Im Wintersemester 2010 gab es 2731 Bewerber für 180 Plätze in der Germanistik, „wie wird das 2011 aussehen?“, fragt sie. Anders gesagt: Was nützen jemandem, der unbedingt Germanistik studieren will, zusätzliche Plätze in den Naturwissenschaften?

An der Universität Vechta bestätigt Vizepräsidentin Dr. Marion Rieken: „Wir werden hier mehr Fächer zulassungsbeschränken müssen.“ Sie sieht das aber gar nicht negativ, „denn so können wir besser steuern“: Einen Run gebe es erfahrungsgemäß vor allem auf Fächer, die aus der Schule bekannt seien, „für alle andere Fächer müssen wir erst ein Bild erzeugen“. Rieken nennt das Beispiel Gerontologie, „da haben wir in Vechta ein Alleinstellungsmerkmal“. Unter Abiturienten sei die Altersforschung aber nicht sehr bekannt, deshalb gelte für die Hochschulen in den kommenden Wochen: „Wir müssen sehr viel informieren!“

An der Westersteder Gartenstraße sitzen Zwölftklässler in der Schulbibliothek, sie haben noch andere Probleme: Die Abi-Klausuren stehen an. Die meisten von ihnen sind noch nicht volljährig, aber in wenigen Monaten sollen sie ins Leben entlassen werden. „Ziemlich stressig“ fand Mareike (17) die Zeit im Doppel-Jahrgang, „wir hatten kaum Freizeit“. Was sie nach dem Abi machen werden, wissen zu diesem Zeitpunkt die wenigsten. Svenja (17) meint: „Ich sehe keinen Vorteil, ob ich ein Jahr früher oder später Abitur habe.“

Firmen hoffen auf Bewerber

Es gibt aber Menschen, die bereits sehnsüchtig auf Mareike, Svenja und die anderen Abiturienten aus dem Doppel-Jahrgang warten: „Wir nehmen sie herzlich gern auf“, beteuert Wolfgang Jöhnk, Ausbildungsbeauftragter der Handwerkskammer Oldenburg. Dann seufzt er: „Wenn sie denn wollen – denn nur 4,5 Prozent eines Abi-Jahrgangs machen eine Ausbildung im Handwerk.“

Jöhnks Kollege bei der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK), Dr. Thomas Hildebrandt, rechnet im Oldenburger Land mit rund 400 Abiturienten, die auf den Ausbildungsmarkt gehen. „Im vergangenen Jahr konnten wir 500 Lehrstellen nicht besetzen“, sagt er und lächelt: „Der doppelte Abi-Jahrgang ist für die Firmen nun die letzte Tankstelle vor der Demografie.“

Beim Energieversorger EWE berichtet Ausbildungsleiter Reinhold Blömer, dass man die Zahl der Plätze für duale Studenten rechtzeitig zum Doppelabi von 16 auf 24 erhöhe. „Die EWE macht’s richtig“, lobt Hildebrandt bei der IHK: „Die tanken noch einmal kräftig auf.“

Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
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