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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Bildung

Die Wächter des Wattenmeeres

11.07.2013

Spiekeroog /Oldenburg Manchen Wissenschaftlern sagt man ja nach, sie säßen im Elfenbeinturm, aber für Dr. Thomas Badewien gilt das sicherlich nicht: Sein Turm ist aus Stahl und Rost, und sitzen kann er darin auch nicht so gut, es gibt nämlich nur einen feuchten Klappstuhl, den er sich mit zwei Kollegen teilen muss und der bei Wind leicht vom Turm wehen kann. Und da oben ist immer Wind.

Aber noch steht Badewien ja unten vor dem Turm. Steuermann Gerrit Behrens drückt die „Zephyr“ gegen die Strömung, bis Badewien die scharfkantige Eisenstiege erwischt und losklettern kann, 25 Sprossen sind es heute, der Wasserstand ist günstig. „So ist es angenehm“, ruft der 43-Jährige: Die Luft ist 17,67 Grad warm, der Wind pustet mit nur 7,2 Metern pro Sekunde, „mäßige Brise“ heißt das im Meteorologendeutsch.

„Aber im Winter“, sagt Badewien, „ist das hier manchmal ganz schön heikel.“ Dann springt die „Zephyr“ auf den Wellen auf und ab, von oben drückt ein eiskalter Wind auf den Kletterer, klamme Hände rutschen immer wieder von den nassen Stahlsprossen ab.

Bei jedem Wetter

Forscher müssen forschen, das ist ihr Job, und Meeresforscher erforschen das Meer. Meistens tun sie das mit einem Boot, zum Beispiel mit der „Zephyr“: Oben flattert die Niedersachsenflagge, hinten bollert der 150-PS-Außenborder, und in der Mitte steht ein Meeresforscher wie Thomas Badewien vor dem Schacht im Bootsbauch und taucht Messgeräte ins Meer. Vielleicht trägt er dabei sogar das blaue Poloshirt mit dem weißen „ICBM“-Logo: Institut für Chemie und Biologie des Meeres, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg.

Aber wenn es spannend für ihn wird, wenn eine Sturmflut durchs Seegatt peitscht oder schwere Eisschollen aufs Wasser drücken, dann muss die „Zephyr“ im Hafen bleiben. Und der Wissenschaftler sitzt unwissend an Land.

Im Jahr 2002 haben die Uni-Forscher deshalb ein 40 Meter langes Rohr ins Wattenmeer rammen lassen, und jetzt ragt das Rohr da vor Spiekeroog aus dem Wasser, vom Dorfplatz aus kann man es sehen. Vor allem sieht man natürlich den postgelben Container oben auf dem Rohr, das Rohr selbst steckt ja 14 Meter tief im Wasser und dann noch mal 14 Meter tief im Meeresboden. Rohr und Container ergeben zusammen den weltweit einzigartigen Messpfahl des ICBM, der nun bei jedem Wetter Messwerte für Meeresforscher liefert.

Ganz genau sind es 120 Messwerte pro Sekunde. „Aber nur rund 40 davon sind wissenschaftlich interessant“, erklärt Badewien. Parameter wie die Spannungsanzeige der Batterien sind für einen Forscher bedeutungslos, er will wissen: Wie ist der Wasserstand? Wie die Wassertemperatur? Die Strömungsgeschwindigkeit? Die Strömungsrichtung? Der Sauerstoffgehalt?

Im Containerboden klafft ein Loch, und da klettert Badewien jetzt rein. Wieder gibt es eine Stiege mit scharfkantigen Sprossen, aber diesmal geht es bergab, tief hinein ins 160 Zentimeter schmale Rohr. „Da“, sagt der Forscher und zeigt auf einen Schlauch an der Wand, in dem Wasser schaukelt: „Das ist der Meeresspiegel.“ Er klettert weiter.

Fünf Meter tiefer passiert er ein Querrohr, „da strömt Meerwasser durch“, sagt Badewien. Fünf solche Querrohre gibt es im Messpfahl, das tiefste sitzt knapp eineinhalb Meter über dem Meeresgrund. Die Querrohre stecken voller Sensoren.

120 Werte pro Sekunde

Thomas Badewien ist in Leer aufgewachsen, er studierte in Kiel und promovierte in Rostock. Heute lebt er mit seiner Familie in Oldenburg. Er lehrt dort an der Uni, auch in Wilhelmshaven an der Jade-Hochschule unterrichtet er. „Aber ich mag es, auch mal rauszukommen“, sagt er. Jetzt ist er zuständig für den Messpfahl; alle 14 Tage muss er raus und die Geräte warten.

Die Meeresforscher haben nämlich ein Problem: das Meer. Es strömt an den empfindlichen Sensoren vorbei, liefert Seepocken bei ihnen ab und Algen. „Da werden wir heute Einiges austauschen müssen“, weiß Badewien, die Messdaten haben es ihm verraten. Soviel zum Thema Elfenbeinturm: Ein Meeresforscher muss schon mal selbst zum Schraubenschlüssel und zum Lötkolben greifen; einen Bootsführerschein hat Badewien natürlich auch.

Er muss die Arbeiten zum Glück nicht allein machen: Ganz unten im Pfahl schraubt Mechaniker Gerrit Behrens (22) bereits das erste Querrohr zu. Und oben im Container wirft Elektroingenieur Axel Braun (49) gerade den Gasgenerator an. Dieselgeneratoren sind im Weltnaturerbe Wattenmeer verboten.

Vorher haben die Männer bereits mit einer Seilwinde die Fässer hochgewuchtet; die Nährstoffanalyse braucht dringend destilliertes Wasser. Auch die Batterien, pro Stück 100 Kilo schwer, haben sie so hier raufgeschleppt. Die Batterien werden mit Wind- und Solarenergie gespeist, „die Station arbeitet autonom“, sagt Badewien. Und notfalls gibt es ja den Gasgenerator.

Die Daten. Alle zehn Minuten rufen die Forscher die Messwerte ab. Zuerst kamen sie über eine ISDN-Leitung, später per W-LAN. Jetzt läuft der Datentransfer über UMTS, also über Mobilfunk. Das klappt prima, sagt Badewien, „außer manchmal im Sommer, wenn die Touristen kommen: Dann sind die Netze oft dicht.“

Aber jetzt sind die meisten Touristen wohl unterwegs: Sie winken von Fischkuttern, Segelschiffen und Motorbooten den Forschern zu.

„Wir wollen verstehen“

Wozu braucht man all diese Daten nun?

„Kommen Sie“, sagt Badewien und öffnet die nächste Luke, diesmal geht es über Stahlsprossen aufs Dach. Da kleben neue Messgeräte, Studenten haben sie entwickelt: zum Windmessen, Regenmessen, Wasserfarbemessen. „Nur hier können wir sie unter Extrembedingungen testen“, sagt Badewien.

Aber vor allem geht es um das hier: „Wir sind Grundlagenforscher. Wir wollen das Gesamtsystem besser verstehen.“ Die Daten zeigen den Forschern zum Beispiel, dass sich das Wattenmeer schneller erwärmt als die restliche Nordsee. Oder dass der Meeresspiegel steigt. Wenn die Forscher Computermodelle mit den Daten füttern, können sie vielleicht die Veränderungen im Ökosystem Wattenmeer vorhersagen. Oder sogar die nächste Sturmflut. „Wir sind auf einem guten Weg“, glaubt Badewien.

Aber nur, wenn die Messdaten stimmen. Der Wissenschaftler nickt freundlich zum Abschied, dann zieht er sich in seinen Turm zurück. Er hat einen Schraubenschlüssel dabei.


Echtzeitdaten vom Messpfahl:     www.icbm.de/messstation 
Karsten Krogmann
Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel:
0441 9988 2020
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