ELSFLETH - Die Abendsonne taucht die Weser in leuchtendes Gelb. Die „Großherzogin Elisabeth“ treibt Richtung Norden – geräuschlos. Das alte Segelschiff, Wahrzeichen der alten Seefahrerstadt Elsfleth (Landkreis Wesermarsch), steckt fest. Eine defekte Einspritzdüse zwingt das stolze Schiff zu einer unvorhergesehenen Pause.
Die „Lissi“, so nennen die Elsflether ihr Schiff liebevoll, ist stolze Botschafterin der ganzen Wesermarsch. Bekannte Persönlichkeiten drehten schon eine Runde auf ihr. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier segelte 2008 an Bord der Lissi von Grömitz bis Wismar (Mecklenburg-Vorpommern).
Der Abend vorm Auslaufen
Es ist der Abend vor dem ersten Auslaufen der Großherzogin nach der Winterpause. Inzwischen dient sie als Segelschulschiff Studierenden des Fachbereichs Seefahrt der Jade Hochschule in Elsfleth zur seemännischen Ausbildung.
Am nächsten Morgen soll die „alte Dame“ mit 50 Studierenden und drei Professoren nach Esbjerg in Dänemark aufbrechen. Bei einer Probefahrt auf der Weser, auch dieNWZ
ist an Bord, fällt plötzlich der Motor aus.Doch die „Lissi“ zeigt ihre Zähne – nach zwei Stunden springt sie wie von Geisterhand wieder an und schafft es so aus eigener Kraft wieder nach Elsfleth, ihren Heimathafen. Am nächsten Tag sticht das Schiff wie geplant in See zu einer zweiwöchigen Segeltour durch die Nordsee bis nach England.
„Solange wir das Schiff halten können, regt mich nichts auf“, reagierte Kapitän Reinhard Meister, der das Kommando auf der Brücke hat. Seine Reaktion spricht Bände und hätte auch von der leidgeprüften „Lissi“ selbst kommen können. Dass eine defekte Einspritzdüse der hundert Jahre alten Großherzogin den Garaus macht – damit hätte wohl niemand wirklich gerechnet.
Das Schiff hat viel erlebt und eine wechselvolle Geschichte in seinem Schiffs-Logbuch. Zwei Weltkriege, Inflation und Weltwirtschaftskrisen überdauerte das Segelschiff in den vergangenen 100 Jahren seit seinem Stapellauf am 19. August 1909.
Wechselnde Besitzer aus verschiedenen Ländern, Einsätze sowohl als Frachtsegler als auch als Kreuzfahrtschiff, Fahrten auf den Weltmeeren, mehrere Schiffsunglücke und ein schwerer Brand: alles das konnte den Untergang des Schiffes nicht besiegeln.
Als „Jacht von Europa“ fuhr der Gaffelsegelschoner noch unter anderem Namen nach Italien, Griechenland, England und die Ostsee. Die „Lissi“ war eine Weltneuheit. Sie war der erste Frachtsegelschoner, der mit einem Dieselmotor ausgerüstet war.
Das Schiff besaß zudem klappbare Masten. „Durch den Motor wurde sie hochseetauglich“, berichtet Kapitän Johannes Reifig (43), der seit kurzem Präsident des Schulschiffvereins „Großherzogin Elisabeth“ ist. Der Verein ist seit 1993 Besitzer des Schiffes.
Der Verein hatte sich zuvor gegenüber dem früheren Besitzer, dem Landkreis Wesermarsch, verpflichtet, das Schiff weiterhin den auszubildenden Schiffsmechanikern als Unterkunft und somit als Internatsschiff zur Verfügung zu stellen. Noch bis 2007 lebten bis zu 50 Schiffsmechaniker-Azubis auf der „Lissi“. Inzwischen leben sie im Maritimen Kompetenzzentrum auf dem Elsflether Campus an der Hunte.
Ein stolzes Jubiläum
Vor zwei Jahren feierte die „Großherzogin Elisabeth“ stolzes Jubiläum: ihren 100. Geburtstag. Seit 1982 ist ihr Heimathafen Elsfleth. Kapitän und Reeder Horst Werner Janssen holte das Schiff zusammen mit Studierenden der Seefahrtsschule und Mitarbeitern aus Griechenland nach Elsfleth. Seit 1986 dient sie auch als Ausbildungsschiff für die Nautik-Studenten der Fachhochschule Elsfleth – und als Kreuzfahrtschiff für Urlaubsreisen.
Die kleine Panne mit der Einspritzdüse – sie nahm ein gutes Ende. An diesem Mittwochabend, voraussichtlich gegen 18 Uhr, läuft die Lissi nach ihrer zweiwöchigen Reise durch die Nordsee wieder in Elsfleth ein – und wird von applaudierenden Gästen empfangen. Sie hat ihn sich verdient.
