Vechta - In der gut sortierten Bibliothek der Vechtaer Liebfrauenschule stehen mehr Pferdebücher als in anderen Schulen. Das hindert das Mädchengymnasium aber nicht daran, zahlreiche naturwissenschaftliche Preise zu gewinnen. Doch sind Mädchenschulen nicht überholt und ein Relikt der Vergangenheit?
Hoch ist er nicht, der Anteil von Mädchenschulen in Deutschland. Rund 33 500 allgemeinbildende Schulen gibt es, etwa 150 von ihnen sind reine Mädchenschulen – nicht einmal 0,5 Prozent. Diese meist katholischen Privatschulen haben oft den Ruf, überholt und altbacken zu sein. Das weiß auch Johannes Funken, Direktor der katholischen Liebfrauenschule, eine der nur drei Mädchenschulen in Niedersachsen: „Mit diesem Ruf hat man leider häufiger zu kämpfen“, meint er. Der Ruf ist das eine, die Realität etwas anderes. „Im Grunde genommen ist eine reine Mädchenschule etwas sehr Modernes.“ Seine Behauptung kann Funken belegen. Die Liebfrauenschule in Trägerschaft der kirchlichen Schulstiftung St. Benedikt ist eine der führenden naturwissenschaftlichen Schulen im Bundesland. Regelmäßig und erfolgreich nimmt sie an Landes- und Bundeswettbewerben teil. Am Schulwettbewerb „Das ist Chemie“ machen jährlich bis zu einhundert seiner Schülerinnen mit, oft mit ausgezeichneten Ergebnissen. An anderen Chemiewettbewerben nehmen ganze Klassen teil. Viele preisgekrönte Arbeiten sind dabei entstanden.
Keine Scheu vor Mathe
Anna Lübbe besucht die zehnte Klasse der Mädchenschule in Vechta – und Scheu vor den naturwissenschaftlichen Fächern hat sie nie entwickelt: „Die Naturwissenschaften werden uns hier sehr nahe gebracht. Ich glaube an gemischten Schulen, traut man sich als Mädchen vielleicht nicht so viel zu sagen“, sagt sie. Anna meint, dass sie vielleicht nicht unbedingt besser als andere Mädchen in den Naturwissenschaften ist, aber wahrscheinlich mehr Spaß an dem Fach hat – und dann fällt das Lernen natürlich leichter.
Ihr Selbstvertrauen in den naturwissenschaftlichen Fächern zeigt sich auch in der Fächerwahl für die Oberstufe: „Ich möchte zwar das musisch-künstlerische Profil wählen, aber werde als Prüfungsfächer auch Mathe und Physik mit einbringen“, erklärt Anna.
Auch Hannah Albers besucht die zehnte Klasse – sie und Anna sind seit der fünften Klasse an der Liebfrauenschule und seitdem auch in einer Klasse. Für die Schule haben sie sich entschieden, weil ihre Familien gute Erfahrungen mit der Liebfrauenschule gemacht haben.
Vor allem Hannah schätzt die Mädchenschule nun sehr. Denn sie hat den Unterschied zu einer gemischten Schule erlebt: „Ich habe einen Schüleraustausch nach Frankreich gemacht und war dort an einer gemischten Technikschule. Für mich war das schon sehr anstrengend im Unterricht dort. Im Vergleich war es in der Klasse dort viel lauter und ich habe mich nicht getraut, soviel zu sagen, wie sonst in den Unterrichtsstunden.“
Anna und Hannah haben das Gefühl an der Liebfrauenschule als Mädchen so akzeptiert zu werden, wie sie sind, sagen sie.
Dass Mädchen an einer reinen Mädchenschule oft einen Vorteil haben, kann auch die Augsburger Jugendforscherin Leonie Herwartz-Emden bestätigen. Sie glaubt, dass gemischtgeschlechtliche Erziehung, die lange Zeit als Fortschritt „verkauft“ wurde, nur eingeschränkt emanzipativ und modern sei. Besonders im naturwissenschaftlichen Bereich wirke sich der Vorteil oft aus. Solche Mädchen würden seltener das typische Jungsfach Physik als „unbeliebtestes Fach“ bewerten, während dies in koedukativen Klassen jedes dritte Mädchen tut – was ja auch Hannah und Anna aus eigener Erfahrung bestätigen.
Selbstbewusster sein
Eine OECD-Studie zeigt, dass Mädchen nur wenig Selbstbewusstsein in naturwissenschaftlichen Fächern haben. Der PISA-Vergleichstest ergab, dass 15-jährige Jungen deutlich mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten haben, auch wenn sie formal auf dem gleichen Bildungsstand sind. Gefragt, ob sie mathematische Aufgaben schnell begreifen, antworten Jungen häufiger mit „Ja“ als Mädchen. Die wiederum halten sich viel häufiger für „nicht gut in Mathe“, selbst wenn sie im PISA-Test genauso erfolgreich abschneiden wie die Jungen. Ein weiteres Ergebnis der OECD-Studie: Deutschland gehört zu den Ländern mit dem größten Geschlechtergefälle. Nur vier von hundert Mädchen können sich vorstellen, später in Ingenieur- oder Computerwissenschaften zu arbeiten.
An einer reinen Mädchenschule wie der Liebfrauenschule müssen die Mädchen von allein Zutrauen in ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten haben. „An einer Mädchenschule gibt es das nicht, dass die Jungs in Chemie die Experimente machen und die Mädchen das Protokoll schreiben“, sagt Funken. Jedes Jahr gibt es an der Liebfrauenschule Leistungskurse in Mathematik und anderen naturwissenschaftlichen Fächern. Den Leistungskurs in Mathematik wird auch Hannah bald besuchen: Sie möchte Kunst als erstes Prüfungsfach wählen, Mathe als zweites und Chemie als drittes.
Neulich war Funken in den fünften Klassen und hat den Schülerinnen ein paar Fragen gestellt. Unter anderem: „Was gefällt dir an der Schule?“ Neben Antworten wie „Nette Lehrer“ oder „Die guten Freundinnen“ kam dabei sehr häufig folgende kurze und klare Antwort: „Keine Jungs.“
Zusammenhalt gefällt
Anna und Hannah gefällt an der Schule, dass der Zusammenhalt unter den Mädchen so groß ist. „Wir verstehen uns in den Klassen sehr gut miteinander“, sagt Anna – räumt aber auch ein, dass sie sich auch mit Jungen gut verstehen könne. Aber vielleicht würden sie dann nicht ganz so offen reden, meint sie.
Jede Menge Mädchen auf einem Haufen – gibt es da nicht auch mal Streit? „Eigentlich ist das eher selten“, meint Anna. Wenn dann, seien es eher schulexterne Streitereien, sagt Hannah. „Klar, Stress gibt es immer mal, aber wir haben wirklich wenig Mobbing“, sagt Anna.
