Tossens - Mit nicht einmal 800 Einwohnern ist Tossens nur der drittgrößte Ort in der in der Gemeinde Butjadingen (Kreis Wesermarsch). Doch insbesondere in den Sommermonaten schnellt die Zahl der „Tossenser“ auf über 3000 hoch. Der Grund dafür ist, dass sich Tossens zum Tourismus-Zentrum auf der grünen Nordsee-Halbinsel Butjadingen entwickelt hat.
Anerkanntes Nordseebad ist Tossens bereits seit 1892. Die ersten Urlauber sollen eine Kinderschar aus Berlin gewesen sein, die auf einem großen Bauernhof, dem heutigen Kurhotel „Strandhof“ Quartier bezog. Drei Jahre später zählte man 180 Badegäste. 1909 wurde ein großes Kurhaus mit 200 Betten gebaut. Zum bedeutsamen Tourismus-Zentrum stieg Tossens aber erst in den 1980er-Jahren empor, als viele neue Quartiere und Einrichtungen entstanden.
Dazu gehört der heutige „Center Parcs“ Nordseeküste. Die Ferienanlage mit 1850 Betten in 245 Ferienhäusern, 98 Appartements und einem Hotel verbucht jährlich 360 000 Übernachtungen. Vom Tourismus profitiert aber auch das Dorf Tossens, dessen gute Infrastruktur eine Folge der touristischen Entwicklung ist.
Erster Pfarrer
Tossens, auf einer Dorfwurt zwischen Langwarden und Eckwarden gelegen, wurde offenbar erst zu Anfang des 16. Jahrhunderts ein eigenes Kirchspiel, jedenfalls ist ab 1523 der erste Pfarrer des Kirchspiels, Alerd Bohlken, nachzuweisen.
Die Erwähnung eines Klerikers „Thidericus de Tossem“ in Bremen für das Jahr 1261 kann nicht zweifelsfrei auf den Herkunftsort Tossens umgesetzt werden. 1444 wird ein „Ede to Tossense“ als Schiedsmann urkundlich erwähnt. Die Besiedlung war wohl eher auf einzelne Wohnstätten am alten Deich und am Deich im Tossenser Groden, der zunächst 1531-1533 Zug um Zug eingedeicht und ab 1561 besiedelte wurde, ausgerichtet.
Groß- und Kleintossens gehörten jedenfalls 1521 noch zum Kirchspiel Eckwarden. Einer der ältesten besiedelten Plätze war sehr wahrscheinlich Stick, ein Vorwerk des Johanniter-Ordenshauses in Roddens. Nachdem die von Ostfriesland unterstützten Butjadinger und Stadlander Friesen 1514 einem braunschweigisch-oldenburgischen Invasionsheer unterlegen waren, kam, endgültig 1521, das Kirchspiel Tossens neben dem Kirchspiel Eckwarden und dem nördlichen Teil des Kirchspiels Langwarden an den Grafen von Oldenburg. 1675 hatte das Kirchspiel Tossens 107 Wohnplätze und 479 Einwohner. Es bestand aus den Bauerschaften Tossens und Tossenser Altendeich.
Auf einer hohen Wurt war die einschiffige St.-Bartholomäus-Kirche in Tossens zu Anfang des 13. Jahrhunderts aus Backsteinen erbaut worden; 1420 wurde sie als Kirche oder Kapelle bezeichnet. Sie lässt spätromanische Strukturen und zeitgenössische Fresken erkennen; die Holzdecke zeigt einen Sternenhimmel. Den Altar hat Ludwig Münstermann 1631 mit Figuren und Schnitzwerk-Ornamenten ausgestattet. Die Kanzel stammt aus dem Jahre 1538.
In Tossens wurde 1569 eine Schule eingerichtet. 1855 hatte die Schule 86 Schulkinder, 1900 wurde ein neues Schulhaus für den zweiklassigen Unterricht gebaut; 1963 wurde die Schule dreiklassig. 1967 baute man die neue Mittelpunktschule. 1974 wurde mit der Bildung der neuen Gemeinde Butjadingen der Grundschulunterricht von Tossens nach Burhave verlegt, dafür in Tossens die Hauptschule mit Orientierungsstufe (die Letztere 2004 aufgehoben) eingerichtet.
Die Lehrerin Gertrud Pychlau betrieb 1946 die Gründung einer christlichen Schule der in der Oberlausitz ansässigen Herrnhuter Brüdergemeinde, deren Leitung nach der Flucht in Bad Boll angesiedelt war.
Anfang 1946 erhielt sie vom Oldenburgischen Staatsministerium die Genehmigung zur Einrichtung einer Zinzendorfschule in Butjadingen, wobei sicherlich der aus Butjadingen stammende damalige Ministerpräsident Theodor Tantzen das Projekt begünstigte.
Die Schule fand in Burhave im Mai 1946 ein Quartier, zog aber schon im August nach Tossens in das Gebäude eines ehemaligen Kindergartens um. Die Zinzendorfschule besteht heute aus einer Oberschule (Haupt- und Realschule) und einem Gymnasium mit rund 600 Schülern.
Durch die Weihnachtssturmflut 1717 verlor das Kirchspiel Tossens 25 Häuser, 115 Einwohner ertranken in den Fluten, viele starben an den gesundheitlichen Folgen. Der ab 1531 eingedeichte Tossenser Groden ging verloren. Auch litt die Bevölkerung häufig an dem in Butjadingen weit verbreiteten, epidemieartig auftretenden Malariafieber. Erst mit zunehmender Trockenlegung stehender Gewässer und Sümpfe gingen die Fieberseuchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus.
1811 wurde in Tossens von der französischen Besatzung eine Apotheke als Filiale der Apotheke in Atens eingerichtet. 1923/24 erfolgte der Anschluss von Tossens an die elektrische Stromversorgung, 1909 auch der Bahnanschluss für die Butjadinger Bahn; 1956 wurde die Personenbeförderung, 1958 der Güterverkehr eingestellt.
Mühle abgebrannt
Alljährlich wurde im September ein Flachs-, Holz- und Viehmarkt abgehalten. Der um den 25. Juli herum veranstaltete sogenannte Jacobi-Markt wurde 1913 zugunsten eines vierten Viehmarktes in Nordenham aufgehoben.
Über die Anfänge der Tossenser Mühle ist nichts bekannt; sehr wahrscheinlich hat in Stick eine von den Johannitern geführte Windmühle bestanden. Mit der Enteignung der Johannitergüter ging auch die Mühle in den gräflichen Besitz über, wo sie bald zusammenbrach. 1575 ließ der Graf eine neue herrschaftliche Windmühle errichten. Sie nahm durch die Weihnachtssturmflut 1717 großen Schaden.1873 brannte sie nieder.
Im selben Jahr als Holländer-Galerie-Windmühle wieder aufgebaut, wurde sie 1882 erneut ein Raub der Flammen, aber noch im selben Jahr 1882 neu errichtet. 1919 brach man sie wegen Unrentabilität ab.
