Hannover - Die Entfremdung vieler Menschen von der Natur schreitet nach Ansicht des Naturschutzbundes (NABU) weiter fort. Beleg dafür seien „immer mehr kuriose, scheinbar abstruse und auch traurige Anfragen“ an seinen Verband, sagte Rüdiger Wohlers vom NABU-Landesverband Niedersachsen am Montag in Hannover. „Das ist eine gesellschaftliche Zeitbombe, denn nur was man kennt, kann man auch schützen.“
So habe zum Beispiel ein Mann telefonisch angefragt, wo er Fliegen bekommen könne. Der Anrufer habe zuvor mit einem großen Kescher Schwalben eingefangen und in seine Scheune gesperrt. Er wolle nicht, „dass die im Süden gefressen werden“. Ebenso erstaunlich: der Anruf einer Dame, die den NABU darum bat, an einem Dezembertag eine große Anzahl Marienkäfer abzuholen. Die Tiere würden ihr zu stark stinken. Was war passiert? Laut eigener Aussage sammelte die Dame seit mehreren Jahren im Herbst Marienkäfer ein. Diese habe sie in einen umgenähten Kissenbezug gefüllt – um sie dann mit ans Fußende ins Bett zu nehmen, da es so schön warm sei. Aber – in diesem Jahr rochen sie ihr zu stark.
Eine andere Person hatte Wohlers zufolge Frösche aus seinem Gartenteich gefischt und in seinem Eisfach deponiert, um sie dort „überwintern“ zu lassen. Außerdem wollte eine Großmutter vor Weihnachten für ihr Enkelkind, das Harry-Potter-Fan sei, eine lebende Eule als Geschenk beim NABU kaufen. In einem weiteren Fall war ein – angeblich sollte dies dem Tier helfen – Eichhörnchen eingefangen und in eine Werkstatt eingesperrt worden, wo es verständlicherweise „randalierte“. Aber „zum Glück konnten wir erreichen, dass auch dieses Tier sofort frei gelassen wurde“, berichtet der NABU-Mitarbeiter.
Um der Naturentfremdung zu begegnen, sei Umweltbildung „essenziell“, sagte Wohlers. Solche Initiativen würden in der Corona-Krise allerdings schwer zurückgeworfen, da alle Führungen, Exkursionen und anderen Veranstaltungen der NABU-Umweltbildungszentren abgesagt werden mussten und die Ausstellungen bis auf weiteres geschlossen seien.
„Der Umweltbildung kommt eine sehr hohe Bedeutung, eine Schlüsselstellung auch für unser eigenes Überleben der Gattung Mensch zu“, betont Rüdiger Wohlers, „denn die Erlangung von Naturwissen und auch der emotionale Zugang dazu versetzt uns in die Lage, Naturschutznotwendigkeiten zu erkennen und umzusetzen.“
