Hannover - An Niedersachsens Grundschulen sieht’s nicht gut aus. „Die Situation ist angespannt“, räumt Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) am Mittwoch im Landtag ein. Überall mangelt es an Lehrern. „Uns fehlen Bewerber“, bestätigt die Kultusministerin, die mit Abordnungen von Gymnasiallehrer in diesen Tagen dagegen steuert, um den Pflichtunterricht an Grundschulen zu retten.
Insgesamt 171 Lehrkräfte wurden bislang abgeordnet – im Gegenwert von 952 Stunden. Doch an vielen Schulen herrscht trotzdem Chaos, macht der FDP-Schulexperte Björn Försterling deutlich: „Seit zwei Wochen läuft der Schulbetrieb, aber nirgendwo können vollständige Stundenpläne gemacht werden.“
„Die Wogen werden sich glätten“, verspricht Heiligenstadt, die auf die größere Zahl von Anwärtern verweist, die derzeit ihre Vorbereitungszeit absolvieren. Auch habe Niedersachsen „noch nie so viel Lehrkräfte gehabt wie heute – insgesamt 72 000 Lehrer“.
Der CDU-Schulexperte Kai Seefried hält andere Zahlen dagegen. „Zum fünften Mal in Folge ist die Unterrichtsversorgung in Niedersachsen gesunken – von 102 auf 98 Prozent“, bilanziert Seefried die rot-grüne Schulpolitik der letzten Jahre. „Wir befinden uns auf einem historischen Tiefstand“, klagt Seefried.
Der Grünen-Schulexperte Heiner Scholing möchte aber auch die Gründe dafür auf den Tisch legen. „Wir erleben derzeit den Höhepunkt der Pensionierungswelle“, weist Scholing auf die hohe Zahl von Lehrern hin, die in letzter Zeit in den Ruhestand wechselten. Dazu würden Inklusion und Ganztagsbetrieb „mehr Personal benötigen“, nimmt der Grünen-Abgeordnete die Ministerin in Schutz.
Der FDP-Abgeordnete Försterling lässt solche Argumente nicht gelten. Solche Ausreden seien „blanker Hohn“. Das Kultusministerium habe sich beim Anwerben von Lehrern „schlicht verrechnet“, kritisiert Försterling. In den Schulen seien aktuell 12 000 Schüler mehr, als in den Prognosen der Kultusministerin zugrunde gelegt wurden. „Schon im Mai wusste jeder, dass 900 Lehrkräfte an Grundschulen fehlen“, betont Försterling, der zugleich Kultusministerin Heiligenstadt direkt angeht: „Sie können Schule nicht!“
Auch FDP-Chef Stefan Birkner schlägt in die gleiche Kerbe. Die rot-grüne Bildungspolitik sei gescheitert. Statt Fehler einzugestehen, rede Heiligenstadt „die Dinge nur schön“ und reagiere auf den Personalmangel an Grundschulen nur mit „hektischen Reaktionen“. Und beim Thema Inklusion „zeigt sich weiteres Versagen“, klagt Birkner. Inklusion werde geradezu durchgepeitscht „ohne Rücksicht auf die Schüler“, sagt der FDP-Landeschef, der für seine Partei zugleich einen schweren Irrtum einräumt. Das „Turbo-Abitur“, von der FDP einst vehement eingefordert und später in der Koalition mit der CDU durchgesetzt, sei ein Fehler gewesen. Die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren unter Rot/Grün sei ein „richtiger Schritt“, räumt Birkner ein. Trotzdem bleibe er dabei, so Birkner: „Rot-grüne Schulpolitik ist schlicht gescheitert.“
Heiligenstadt reagiert empört. Die Opposition könne nur „mit Dreck werfen“.
