HANNOVER/OLDENBURG - Der Schock des Amoklaufs von Winnenden scheint seine Wirkung zu verlieren. Während Baden-Württemberg die Zahl der Schulpsychologen mit Blick auf eine verstärkte Prävention drastisch erhöhte, steuert Niedersachsen auf eine „desolate Situation“ zu. Diesen Alarmruf hat der Verband niedersächsischer Schulpsychologen in einem Brief an alle Landtagsfraktionen abgesetzt. „Die Befürchtung, dass der Schulpsychologie der Kollaps drohe, hat sich schneller bewahrheitet als gedacht“, schreibt der Verbandsvorsitzende Ralf Connemann (Oldenburg). Die Zahl der Vollzeiteinheiten sei mittlerweile auf 38 gesunken. „Dies entspricht einer Relation Schulpsychologe pro Schüler von etwa 1 zu 32 000.“

Die Experten sehen eine „katastrophale Entwicklung“ nach Winnenden. Das Land stehe im Bundesvergleich „besonders schlecht da“. Der Verband fordert alle Parteien im Landtag „nachdrücklich“ zu einer „fraktionsübergreifenden Initiative“ auf. In einem ersten Schritt müssten „60 neue Stellen in der Schulpsychologie“ geschaffen werden, betont Connemann.

In einer Antwort der Landesregierung auf alarmierte Anfragen der SPD-Landtagsfraktion räumt das Kulturministerium teils erhebliche Defizite ein – mit Blick auf die psychologische Schulung von Beratungslehrern. „Durch personelle Belastungen bei den Schulpsychologinnen und Schulpsychologen konnten in den letzten Jahren nicht überall dort, wo entsprechender Bedarf angemeldet wurde, auch Studienzirkel eingerichtet werden“, heißt es. Die Lücke fällt dramatisch aus: Von fast 240 Bewerbungen für die Weiterbildung zum Beratungslehrer konnte das Land in den letzten beiden Jahren nur je 80 Plätze genehmigen.

Das schlägt im Schulalltag durch. „Schulische Beratung kann nicht umfassend sein“, gibt das Kultusministerium zu – und verweist zugleich auf Auswege für ratsuchende Schüler. So könnten Betroffene ja im Schulkollegium „eine geeignete Lehrkraft für ihre spezielle Fragestellung in ihrer konkreten Lebenssituation finden“, lautet der ministerielle Hinweis. Aber selbst „nicht lehrende Personen“ seien manchmal „mit großem Engagement bereit“, gewünschte Beratungsleistungen zu erbringen. Selbst „Schülervertretungen“ könnten laut Kultusministerium in Anspruch genommen werden. Für die Mehrheit wohl der einzige Ausweg. In Niedersachsen existieren nur an 1228 Schulen 1550 Beratungskräfte. 1844 Schulen verfügen über keine derartige Unterstützung.