Hannover - Heißer Herbst für Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD): Die Reform der Schulgesetzgebung garantiert erbitterte Diskussionen mit der Opposition. Die erste Runde erlebt der Landtag bereits an diesem Mittwoch. Im Mittelpunkt steht der Vorwurf von CDU und FDP, dass Rot/Grün langfristig die Gymnasien in Niedersachsen zugunsten der Gesamtschulen zurückdrängen wolle.
CDU-Fraktionschef Björn Thümler aus Berne spricht ebenso wie FDP-Schulexperte Björn Försterling von einem „gezielten Angriff auf das gegliederte Schulsystem“. „Noch nie in der Geschichte Niedersachsens waren die Gymnasien so gefährdet wie gegenwärtig“, behauptet der CDU-Experte Kai Seefried.
Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) lässt diese Kritik abtropfen und nennt sie schlicht „Quatsch“. Heiligenstadt spricht von „Humbug“. Spätestens bei der nächsten Landtagswahl werden die Wähler ihr Votum in diesem Streit abgeben.
Tatsächlich zeichnen sich schon deutliche Konturen der neuen Bildungspolitik von SPD und Grünen ab. Manches hat mit Ideologie zu tun, vieles mit der demografischen Entwicklung. Die Bevölkerungszahl sinkt, in einigen Regionen dramatisch. Etliche Grundschulen entwickeln sich mangels Schülern zu Zwergschulen. Dazu kommt die Abstimmung mit den Füßen: Haupt- und Realschulen verlieren massiv an Schülern.
Rot/Grün zieht daraus Konsequenzen: Erstens deutliche Anstrengungen bei Ganztagsschulen, damit bei sich abzeichnendem Arbeitskräftemangel beide Elternteile arbeiten können; zweitens ersetzen Oberschulen zunehmend Haupt- und Realschulen; drittens sollen Gesamtschulen gestärkt und von Rot/Grün zur „ersetzenden“ Schulform erhoben werden, die anstelle eines Gymnasium treten kann; viertens wird an Gymnasien das Abitur nach 13 Schuljahren (G 9) wieder überall eingeführt, damit der Frust über G 8 ein Ventil findet; fünftens wollen vor allem die Grünen eine Tempoverschärfung beim Thema Inklusion; sechstens kämpfen SPD und Grüne an vielen Fronten gegen Notenprinzip und Leistungszwang. Dazu kommen kleinere Klassen und außerdem ein Ausbau des Förderunterrichts.
Gefährdet dieser Katalog tatsächlich die Gymnasien? Über 42 Prozent aller Schüler wechseln nach der Grundschule auf das Gymnasium. Trotz zeitgleicher Einrichtung von Gesamtschulen. Das Gymnasium ist die mit Abstand beliebteste Schulform – Tendenz: steigend. Durch die Rückkehr zum alten Abitur würden die Gymnasien noch zusätzlich „gestärkt“, sagt Heiligenstadt: „Sie werden besser ausgestattet sein als jemals zuvor.“
