IM NORDWESTEN - Als Jessica einen Parkplatz brauchte, bastelten die anderen Kinder ihr einfach einen: Sie schrieben ein „P“ auf ein Blatt Papier, malten mit Buntstiften ein blaues Rechteck drumherum, und jetzt klebt ein Parkplatzschild da draußen an der Glastür, Jessicas Rollstuhl parkt immer direkt darunter.
Jessica ist drinnen, die 5d hat gerade Englisch bei Herrn Hummerich-Ferbers. „Who knows the answer?“, fragt der Lehrer, wer weiß die Antwort? Hannes zeigt auf: „Darf ich auf Deutsch antworten?“ „No“, sagt Herr Hummerich-Ferbers streng, wir sprechen Englisch.
Dann meldet sich Florian, er antwortet auf Deutsch, Florian darf das.
Florian, elf Jahre alt, ist geistig behindert; er ist ein Kind mit Förderbedarf, wie das im Schuldeutsch heißt. Genauso wie Jessica (11), das Mädchen mit dem Rollstuhl.
Sie gehen in die Klasse 5d der Helene-Lange-Schule am Oldenburger Marschweg, eine Integrationsklasse. Neben der Tür hängt ein Zettel an der Pinnwand mit Klassenregel Nr. 2: „Wir akzeptieren uns so, wie wir sind.“
Klassenregel Nr. 1 lautet: „Wir grenzen niemanden aus.“
Neues Gesetz
In Artikel 24 der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen heißt es: „Die Vertragsstaaten erkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung an. Um dieses Recht ohne Diskriminierung (...) zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen (...).“
Im März 2012 beschloss der Niedersächsische Landtag deshalb das „Gesetz zur Einführung der inklusiven Schule“. Darin steht: „Die öffentlichen Schulen ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern einen barrierefreien und gleichberechtigten Zugang (...). Welche Schulform die Schülerinnen und Schüler besuchen, entscheiden die Erziehungsberechtigten.“
„Das ist sensationell!“, ruft Dr. Peter Wachtel ins Foyer der Stadthalle Wilhelmshaven, vor ihm hocken 150 Lehrer: „Es kann künftig kein Kind mehr gegen den Willen seiner Eltern oder den eigenen Willen verpflichtet werden, eine Förderschule zu besuchen!“ Wachtel, 64 Jahre alt, ist Referent im Niedersächsischen Kultusministerium, er strahlt jetzt: Wenn Eltern ihr behindertes Kind lieber auf eine allgemeinbildende Schule schicken möchten, können sie es ab dem Schuljahr 2013/14 einfach zur nächsten Grundschule, Hauptschule, Realschule oder zum Gymnasium bringen!
Die 150 Lehrer in Wilhelmshaven gucken sehr skeptisch.
Die Stufen müssen weg
Peter Wachtel ist nicht allein zur Fachtagung nach Wilhelmshaven gekommen, neben ihm repariert Professor Dr. Clemens Hillenbrand mit viel Schwung den Beamer. „Sie sehen“, sagt der 50-jährige Hochschullehrer aus Oldenburg etwas atemlos, „ohne Improvisation klappt Inklusion nicht.“ Dann läuft der Beamer, auf der Leinwand erscheint das Wort „Inklusion“.
Inklusion, erklärt Hillenbrand, heißt so viel wie „Einschließen“. Er mag das Wort nicht, „die inklusivste Einrichtung hier ist der Strafvollzug“, scherzt er, aber die Lehrer gucken weiterhin skeptisch. Bezeichnen soll Inklusion das Gegenteil von Exklusion, das Ausschließen, und das findet Hillenbrand gut: „Behinderung ist nicht das individuelle Merkmal eines Menschen“, sagt er: „Behindert ist der Rollstuhlfahrer erst durch eine Konfrontation – zum Beispiel mit Stufen, die ihn daran hindern, in einen Raum hineinzukommen.“
Daraus ergibt sich: Die Stufen müssen aus der Schule, nicht der Rollstuhlfahrer.
Jetzt zeigt die Leinwand Zahlen, zum Beispiel diese hier: 7 Prozent – so stark ist das Bruttosozialprodukt in Kanada dank Inklusion gestiegen. „Es gibt sogar handfeste ökonomische Gründe für Inklusion“, sagt Hillenbrand: „Menschen mit Behinderung leisten etwas, wenn man sie lässt.“
Die Lehrer stellen Fragen: Wie wird die personelle Ausstattung an den Schulen sein? Wie groß werden die Klassen sein? Was ist mit unserer Arbeitszeit?
35 000 Schüler
Draußen vor dem buntstiftblauen Parkplatzschild steht Silke Lühmann, 48 Jahre alt. Sie ist eine von sechs Förderschullehrerinnen, die an der Helene-Lange-Schule unterrichten. Seit zwölf Jahren gibt dort die Integrationsklassen, rund 30 Schüler mit Förderbedarf besuchen die Gesamtschule zurzeit. Lühmann sagt: „Viele Sachen ergeben sich durchs Machen.“
Allerdings ist eine Integrationsklasse keine Inklusionsklasse, es gibt klar geregelte Doppelbesetzungen Im Englischunterricht ist Herr Hummerich-Ferbers nicht allein; neben Florian sitzt Susanne Kouhil (48), eine Förderschullehrerin, über Jessica beugt sich gerade Gaby Sakrowski (24). Die Studentin der Erziehungswissenschaften ist Jessicas Integrationshelferin.
Tilmar Hummerich-Ferbers, ein 44-jähriger Gymnasiallehrer, gibt zu: „Allein hätte ich mir das nicht so ohne Weiteres zugetraut.“
Umgekehrt ist eine Inklusionsklasse aber auch keine Integrationsklasse: In Niedersachsen gibt es rund 35 000 Schüler mit Förderbedarf und gut 3000 Schulen. Es ist statistisch unwahrscheinlich, dass sich in einer Klasse gleich vier oder fünf Förderschüler sammeln werden wie in der 5d.
„Keine Billiglösung“
In der Landeschulbehörde in Osnabrück gibt es oben im 4. Stock ein kleines Büro für den Personalrat, hier arbeitet Astrid Müller vom Bezirksverband der GEW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sie ist 47 Jahre alt.
An der Bürotür pappt ein Aufkleber: „Man muss die Schule auch mal vergessen können.“ Aber der Aufkleber nützt nichts, vor fünf Minuten hat Müller per E-Mail wieder einen Hilferuf aus einer Schule bekommen: Wie soll das gehen mit der Inklusion?
Müller ist selbst ausgebildete Förderschullehrerin, sie fordert: Die Klassen müssen deutlich kleiner werden, „28 Kinder sind viel zu viel“. Man braucht eine Doppelbesetzung für den gesamten Unterricht, „nicht wie geplant nur zwei Förderlehrerstunden pro Woche“. Die Unterrichtsverpflichtung für die Lehrer muss gesenkt werden, die Zahl der Fortbildungen erhöht, ausgebildetes Fachpersonal muss her: „Es darf bei der Inklusion keine Billiglösung geben!“
Von Billiglösung könne keine Rede sein, heißt es hingegen bei der Landesregierung: Bis 2018 gebe man 44 Millionen Euro für die Inklusion aus, man rechne mit einem Mehrbedarf von 955 Lehrerstellen. 1400 Kollegen seien bereits fortgebildet worden, weitere 400 befänden derzeit in Fortbildung. Zu allen anderen Fragen werden derzeit „die untergesetzlichen Regelungen erarbeitet“.
In der Klasse 5d ist gleich Schulschluss. Vor Florian liegt auf dem Tisch sein individueller Wochenplan, „Nach Hause fahren“ steht da für heute als letzter Punkt.
Lehrerin Silke Lühmann erklärt: Es gibt Schüler mit Förderbedarf, die zielgleich unterrichtet werden, zum Beispiel Michel aus der 6. Michel ist blind, er lernt das Gleiche wie seine Mitschüler, aber er braucht Sehhilfen und einen Integrationshelfer dafür.
Florian lernt zieldifferent. „Er hält inzwischen den ganzen Schultag aus“, sagt Silke Lühmann stolz, „das war anfangs überhaupt nicht so.“
Die Schule ist aus, zwei Mädchen halten Jessica die Glastür auf. „Sehen Sie“, sagt Lühmann, „alle Kinder lernen dazu.“ Zunächst gab es diese Diskussionen: Warum muss Jessica keinen Tafeldienst machen? Wieso darf Florian immer noch das kleine Einmaleins rechnen? „Dann haben sie kapiert: Jessica kommt nicht so einfach an die Tafel, und für Florian ist das kleine Einmaleins so schwierig wie für sie das große.“
Kreativität gefordert
In Wilhelmshaven bittet Peter Wachtel die 150 Lehrer: „Das Gesetz ist nur der Rahmen – für Inklusion brauchen wir Ihre Kreativität!“ Clemens Hillenbrand ergänzt: „Der Weg wird kein leichter sein.“
In Osnabrück schüttelt Astrid Müller den Kopf: „Ich wundere mich, dass die Kollegen so still halten – auf sie kommt eine enorme Mehrbelastung zu.“
Vor dem Parkplatzschild in Oldenburg sagt Silke Lühmann lächelnd: „Lasst uns erst mal anfangen mit der Inklusion – dann sehen wir weiter.“
