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Projekt Klassenzimmer segelt zum Regenwald

Jantje Ziegeler

Hamburg/Nordenham/Spiekeroog - Charlottes Zeugnis ist auf den 15. Mai 2013 ausgestellt. Es bescheinigt ihr gute Noten, 11 bis 13 Punkte hat sie in jedem der Fächer bekommen. 15 Punkte, die Bestnote, hat die 15-Jährige für ihr 40-minütiges Referat zum Thema „Zerstörung des tropischen Regenwaldes“ bekommen.

Das Besondere an Charlottes Zeugnis ist der Satz, der unten drunter steht: „Wir wünschen Charlotte immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“ Denn Charlottes Unterricht fand im vergangenen Halbjahr an Bord des Großseglers „Johann Smidt“ statt, im „segelnden Klassenzimmer“. Und ihr Referat über den Regenwald – das hat die Schülerin direkt im Regenwald gehalten, denn für sie und ihre 25 Mitschüler sah der Törnplan so aus: Teneriffa – kleine Antillen – Costa Rica – Yucatan – Kuba – Bermudas – Azoren – Deutschland. Vor wenigen Tagen lief die Johann Smidt wieder in Hamburg ein.

Kritik an Schulsystem

Die Idee dazu hatte Dr. Hartwig Henke. Er ist 70 Jahre alt und kommt gebürtig aus Nordenham. Er sei also mehr im Wasser als auf dem Land aufgewachsen, sagt er. Von 1963 bis 67 war er als See-Offizier auf Kriegsschiffen unterwegs. 28 Jahre lang war er Leiter der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog, die dem segelnden Klassenzimmer den offiziellen, schulamtlichen Rahmen gibt. Seit 40 Jahren schon hat Henke mit Schule zu tun, wie er erzählt. „Gerade meine Erfahrung mit den Gymnasiasten, mit den Schülern, die später oft verantwortende Stellungen haben, ist, dass für sie die normale Schule nicht das bietet, was sie brauchen, um gestandene Persönlichkeiten zu werden“, kritisiert Henke, „Schule bietet zu viel Routine und zu wenig Wirklichkeit. Sie bietet zu wenig Herausforderungen, in denen Jugendliche sich bewähren können.“ Sich etwas zugetraut zu haben, was sie sich vorher nicht zugetraut hätten – das ist das Gefühl, das Henke die Schüler der „High Seas High School“ (HSHS) erfahren lassen will. „Das ist der Grund für mich, die HSHS konsequent weiterzubetreiben“, sagt Henke, der das Projekt gemeinsam mit seiner Frau Ute Hildebrand-Henke aus der Taufe gehoben hat.

Die 26 segelnden Schüler aus ganz Deutschland haben einen Einblick in die Kultur der einheimische Kuni-Indianer auf den San Blas Inseln bekommen. Erkundeten auf dem Festland von Panama das Kolonialstädtchen Portobelo. Forschten vier Tage in der Tropenstation La Gamba im Regenwald. Lernten Spanisch bei einheimischen Lehrern in einem kleinen Dorf namens Longo Mai. Absolvierten Tauchkurse. Besuchten die Maya-Stätten in Copan.

Vor allem lernten die Schüler aber, miteinander auskommen zu müssen. „Du merkst, du kannst Konflikten nicht davonlaufen oder sie verschieben. . .kein Geld der Welt hilft dir da. Aber du weißt, du bist nie allein“, schreibt eine ehemalige HSHS-Teilnehmerin. „Eigenverantwortung, Toleranz, Gemeinschaftsdenken, Hilfsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit waren gefordert“, hat Charlotte festgestellt. Wichtiger Bestandteil waren natürlich auch der Bordalltag und die Schiffsführung; die Praxis des Segelns gehörte beispielsweise genauso dazu wie die Wetterkunde.

Viele Bewerbungen

Henke ist Lehrer für Politik, Gemeinschafts- und Erdkunde, seine Frau Lehrerin für Biologie, Erdkunde und Politik. Vor 20 Jahren haben sie das Projekt HSHS zum ersten Mal ausprobiert. „Ursprünglich war es für die Internatsschüler der Hermann Lietz-Schule gedacht, aber schon nach etwa drei Jahren hatten wir aus allen Bundesländern Bewerbungen“, erzählt der 70-Jährige. „Wir haben immer einen Berg an Bewerbungen. Sehr viele Jugendliche wären geeignet. Wir könnten eigentlich immer mindestens zwei Schiffe besetzten.“ 700 Schüler haben bisher an dem Projekt teilgenommen.

Auch die Auswahl der vier Lehrer, die sechs Monate mit den Schülern unterwegs sind, will gut getroffen sein. Einerseits brauchen die Lehrer Fachkompetenz und müssen fitte Erzieher sein. Andererseits muss die Persönlichkeit stimmen: „Keine klassischen Lehrer“, sagt Henke, „sondern neugierige Personen, die sich der Herausforderung stellen und sich einbringen wollen. Die die Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung begleiten können.“ Situationsbezogener Unterricht sei gefragt. „Wenn ich ins Ausland fahre, habe ich andere Kulturen, Sprachen, Ökosysteme – darüber muss ich dann Unterricht machen, und nicht über das, was gerade auf dem Lehrplan steht“, betont Henke. Dennoch brauche sich kein Schüler sorgen, dass er aus der gymnasialen Schullaufbahn rausfalle; die Zeugnisse werden sowohl von Henke als Leiter und Geschäftsführer der HSHS als auch von Florian Fock, dem Leiter der Hermann Lietz-Schule Spiekeroog, unterschrieben. Der Weg zum Abitur kann anschließend ganz normal weiter verlaufen.

2700 Euro im Monat

2700 Euro kostet die Eltern der mitsegelnden Zehntklässler das Projekt im Monat. Um Eltern, die sich die Teilnahme an dem Projekt nicht leisten können, nicht abzuschrecken, möchte Henke gerne einen Stipendien-Fonds einrichten.

Im Internet haben die Schüler regelmäßig über ihre Erlebnisse berichtet. Einer der Einträge ist ein Rückblick auf die vergangenen sechs Monate. Er trägt den Titel: „Die geilste Zeit unseres Lebens.“

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