Hannover - Erst Baden-Württemberg, dann Hessen und Bayern – am Ende auch Niedersachsen? „In den Ländern gibt es eine Abstimmung mit den Füßen“, beschreibt der Vorsitzende des Verbandes der niedersächsischen Direktorenvereinigung, Dieter Stefan, den bundesweiten Streit um das gerade eingeführte „Turbo-Abitur“ (G 8) an Gymnasien und dem traditionellem Abitur (G 9) nach insgesamt 13 Schuljahren.

In Baden-Württemberg würden „bereits 90 Prozent“ der Betroffenen zur Rückkehr zu G 9 tendieren. In Hessen gäbe es keine 30 Gymnasien mehr, die ab dem neuen Schuljahr überhaupt noch das Turbo-Abi anbieten würden. Und in Bayern stünden alle Signale auf zurück.

„Das Lavieren muss ein Ende haben“, appelliert der Chef des niedersächsischen Philologenverbands, Horst Audritz, an die rot-grüne Landesregierung. Diese zögert, lässt sich derzeit Alternativen zu G 8 von einer Experten-Kommission ausrechnen.

Die Präsentation der Ergebnisse plant Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) für Ende März. „Die Prämisse ist, Stress und Druck zu reduzieren“, betont Ministeriums-Sprecherin Susanne Schrammar. Aber wie genau? Da geht die Landesregierung bislang auf Tauchstation.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete G 8 aber bereits als „unsozial“. „G 8 ist tatsächlich unsozial“, bestätigt der Lüneburger Schuldirektor Stephan.

Die Zahl bezahlter Nachhilfestunden steige dramatisch, aber trotzdem sinke die Erfolgsquote. Von 205 Schülern eines 11er Jahrgangs erreichten nur 165 in einem Zug das G 8-Abitur, nennt der Pädagoge ein Beispiel aus der Schulpraxis.

Kein Wunder, dass die Stimmung an den Gymnasien kocht. „Das Turbo-Abitur ist gescheitert“ und „eine gravierende Fehlentscheidung“, kritisieren Lehrer, Eltern und Direktoren in einer gemeinsamen Erklärung. Kinder müssten wieder Zeit für gründliches Lernen, für Aktivitäten außerhalb des Unterrichts und für die Persönlichkeitsentwicklung bekommen. Die Mängel des Turbo-Abiturs seien inzwischen so deutlich, dass auch Vertreter der Hochschulen und Wirtschaftsverbände für eine Rückkehr zur längeren Schulzeit plädierten, betont Audritz.

Die Landesregierung will bis zum Sommer einen Zeitplan für eine Reform des Gymnasiums vorlegen. Unklar ist aber noch, ob das umstrittene Turbo-Abitur komplett abgeschafft wird. Dieses Tempo reicht den Betroffenen nicht.

Nach dem Modell des Philologenverbandes könnten die rund 270 niedersächsischen Gymnasien bereits zum 1. August 2014 zum sogenannten G 9 wechseln. „Ohne neue Belastungen“, versichert Audritz. Dabei sollen die Jahrgänge 5 bis 7 einbezogen werden. Das könnte bedeuten, dass 2020 die ersten Abiturienten ihren Abschluss wieder nach 13 Jahren machen.

Die Lehrergewerkschaft GEW möchte erst zum Schuljahr 2015 mit einer Reform beginnen. Auch das Kultusministerium plädiert für mehr Zeit.

„Das Letzte, was wir brauchen, ist das, was bei G 8 passiert ist, dass wir es überhastet einführen“, sagte Susanne Schrammar, Sprecherin des Kultusministeriums.