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Missbrauch Wenn der Schmerz niemals vergeht

Anna Zacharias

LEMWERDER - Irgendwann konnte Bernd W. einfach nicht mehr. Konnte nicht mehr den Fernseher einschalten und hören, dass wieder ein Kind missbraucht wurde. Und schweigen. Noch immer, nachdem er jahrzehntelang geschwiegen hatte.

Bernd W. sitzt in seinem Wohnzimmer, vor ihm auf dem Couchtisch eine Flasche Bier. Nur damit kann er nachts einschlafen, sagt er. Wieder einmal macht ihn eine Nachricht fertig: Wieder ist ein Kind missbraucht worden, dieses Mal in Nordenham. Ganz in der Nähe von dem Ort, an dem auch ihm das Unbeschreibliche passierte.

In der Schule auffällig

Alles fing an, als Bernd 1979 ins heilpädagogische Jungenheim des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) in Lemwerder kam. „Zwölf Tage vor meinem 14. Geburtstag bin ich ins Heim gekommen“. In der Schule war er unkonzentriert und auffällig, hatte oft Kopfschmerzen. Das lag auch an einem schweren Verkehrsunfall, den er als Kleinkind hatte. „Irgendwann habe ich alles gemacht, außer zur Schule zu gehen“, sagt der 47-Jährige, der in Bad Pyrmont aufgewachsen ist, wo er heute lebt.

Er prügelte sich, schwänzte die Schule und schlug Scheiben ein. „Ich habe viel Mist gebaut, das ist klar. Aber ich war ein Kind“, sagt Bernd W. heute. Schließlich wurde er ins Heim nach Lemwerder gebracht, sollte mal raus aus seinem Umfeld.

Intensive „Beschulung“

Von Juli 1979 bis Juli 1980 wurde er in der Internatsschule des Heims „intensiv beschult“, das heißt, er war nur mit einem weiteren Jungen in der Klasse. „Das Lernen hat mir wieder Spaß gemacht.“ Alles ging gut.

Und „er“ war auch da. Wir waren sein Projekt, sagt Bernd, der Lehrer wollte seine Schüler unbedingt zum Hauptschulabschluss bringen. „Als ich dort hin kam, hatte ich einen Sechser-Schnitt, in Lemwerder lag ich schnell bei einer Zwei“, erinnert sich Bernd an die zunächst schöne Zeit.

„Im Oktober 1979 kam es dann zur ersten Annäherung.“ Bernd formuliert die schlimmen Erlebnisse so nüchtern wie möglich. „Ich hatte Schmerzen im Intimbereich, und da ich mich schämte, habe ich mich an ihn gewandt, er war eine Vertrauensperson.“ Nachdem er wegen seiner Beschwerden behandelt wurde, erkundigte sich sein Lehrer nach seinem Befinden. „Zeig doch mal“, habe er gesagt. „Ich hab mir nichts dabei gedacht“, sagt Bernd . Das war das erste Mal, dass sein Lehrer ihn berührte. Und Bernd schwieg.

Mit dem Lehrer verreist

Er schwieg auch, als sein Lehrer ankündigte, er wolle ihn auf eine Reise mitnehmen. Mit seinem Wohnwagen ging es über die Osterferien nach Bayern. „Ich habe mich gefreut. Ich war immer Prügelknabe, er war sozusagen mein sicherer Hafen.“ Auch während dieser Reise kam es zu sexuellen Übergriffen.

Dann kam das Frühjahr 1981, und die Frage stellte sich, was nach der Schule kommen sollte. „Ich hab gedacht: Nur weg von hier.“ Er bekam eine Lehrstelle für eine Ausbildung zum Kaufmann in Bad Pyrmont.

Es wurde Sommer, und Bernd 16. Ich hatte alle Prüfungen, war der beste Schüler, und glücklich. Dann hat er mich noch mal eingeladen nach Fehmarn. „Das war dann auch das letzte Mal“. Bernd atmet hörbar aus. Der Jugendliche schaffte es nicht, sich aus dem Abhängigkeitsverhältnis zu lösen, es kam wieder zur Vergewaltigung. Diese Wort meidet Bernd.

Den nächsten Satz bringt er schnell über die Lippen. „Ich will’s nicht mehr, habe ich gesagt.“ Seinen Lehrer beschreibt er als groß und stark übergewichtig. „Normaler Geschlechtsverkehr war für ihn nicht möglich“, sagt Bernd. „Aber es gibt ja auch andere Möglichkeiten. Es war schlimm“. Er verstummt. Manches kann er auch heute nicht aussprechen, 30 Jahre danach. Später war er oft kurz davor, einfach den Telefonhörer abzunehmen und ihn anzurufen. Irgendwann tat er es dann, fuhr einfach los. „An der Tür hat er mich abgefertigt. Was ich wolle“, habe er gefragt. Plötzlich war Bernd wieder der eingeschüchterte Junge. „Ich bin wieder gefahren.“

Ein letzter Versuch

Irgendwann versuchte er es noch mal, rief Ende der 90er Jahre bei der Ehefrau seines Lehrers an. Aber der war inzwischen gestorben. „Da hab ich gedacht: Scheiße. Jetzt trägst du es ewig mit dir rum.“

Das Jungenheim Lemwerder ist seit Mitte der 80er Jahre geschlossen, in dem Gebäude befindet sich heute ein Wohnheim für behinderte Menschen unter der Trägerschaft des CVJM Nordenham.

2010 fasste sich Bernd W. ein Herz und rief bei der Evangelischen Kirche in Hannover an. Ein Treffen mit Pfarrer Thomas Feld, Diakonie-Vorstand im Oldenburger Land, wurde organisiert. Auch Gerhard Haase war dabei. Er war als Junglehrer im heilpädagogischen Jungenheim und kannte den Beschuldigten.

Er glaubte Bernd W. und wollte die Geschichte aufarbeiten. „Ich hatte den Beschuldigten damals für besonders engagiert gehalten, aber im Nachhinein ergibt alles einen Sinn“, sagt er. Es sei wichtig, den Fall aufzuarbeiten, da man Lehren aus ihm ziehen könne. Damals habe dort ein sexuell geprägtes Klima geherrscht, dass verhängnisvoll auf Jugendliche gewirkt haben muss.

Eine Mitarbeiterin habe ein Verhältnis mit einem Jugendlichen gehabt, es habe viel Gewalt gegeben, das Heim sei schließlich „aufgrund von Missständen“ geschlossen worden, auch finanzielle Bereicherungen hätten eine Rolle gespielt.

„Es ist nicht beweisbar, aber in den Unterlagen des Betroffenen gibt es eine handschriftliche Bemerkung dazu. Unter Mitarbeitern waren dessen Neigungen offenbar kein Geheimnis“, sagt Haase, der im Ruhestand ist. Sein Bericht ist noch nicht fertig.

„Das ist ein Skandal“

Warum man den Lehrer weiter mit verhaltensauffälligen Kindern hatte arbeiten lassen, kann Bernd W. nicht begreifen. „Das ist ein Skandal“, sagt er.

Dass bekannt war, dass sich der Beschuldigte Jugendlichen auf unangemessene Weise genähert haben soll, bestätigt der Geschäftsführer des CVJM in Nordenham, Jürgen Lahode, nicht. „Der Betreffende war beliebt. Ich habe keine Anhaltspunkte dafür, dass er entsprechende Neigungen hatte“. Bernd W. habe sich für einen weiteren Gesprächstermin nicht mehr gemeldet, außerdem sei die Aufklärung schwer, da die Beteiligten alle tot seien.

Bernd W. kritisiert, das seitens des CVJM wenig Eigeninitiative bestehe, den Fall aufzuklären. Diakonie-Vorstand Feld sagt, er dränge auf eine baldige Aufarbeitung der Geschichte. Er stellt sich als Ansprechpartner für mögliche Opfer zur Verfügung.

Dass es in dem Heim nicht einen, sondern fünf bis sechs Missbrauchsfälle oder Fälle von Gewaltausübung gegeben hat, sagt Elke Butt von der Opferhilfe „Weisser Ring“ Diepholz. Sie vertritt Tobias R., der in dem in der selben Zeit von einem Mitbewohner in dem Heim Gewalt angetan wurde. Die Zustände seien katastrophal gewesen.

Chance verpasst

Die Chance, seinem Lehrer alles ins Gesicht zu sagen, hat Bernd W. verpasst. Alkohol und Drogen waren sein Ausweg. „Ich war oft in psychologischer Behandlung, wegen meiner bipolaren Störung. Ich war manisch depressiv.“

Jetzt ist niemand für ihn zuständig, denkt Bernd. Der Entschädigungsfonds für Opfer der Heimerziehung in der Bundesrepublik beschränkt sich auf den Zeitraum von 1949 bis 1975. Ob Bernd über 30 Jahre danach vor Gericht Chancen auf eine Entschädigung hätte, ist ungewiss. Noch weiß er nicht, ob er einem Prozess gewachsen wäre.

„Ich bekomme eine Frührente wegen voller Erwerbsminderung. 630 Euro. Stundenweise arbeite ich in einem Altenheim und fahre Essen. Ich hätte auch gern ein Auto oder würden in den Urlaub fahren. Ich hatte keine Chance im Leben“. Bernd blickt zum Himmel. Vier Jahre Therapie hat er hinter sich. Alle Beziehungen zu Frauen scheiterten. „Meinen Frieden werde ich nicht mehr finden“, sagt er.

Das Jungenheim

in Lemwerder wurde Mitte der 80er Jahre geschlossen. Heute befindet sich in dem Gebäude ein Wohnheim für behinderte Menschen.

Pfarrer Thomas Feld

stellt sich als Ansprechpartner für mögliche weitere Betroffene zur Verfügung. Er ist zu erreichen unter Tel. 0441/2 10 01 70
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