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NWZonline.de Ratgeber Beruf & Bildung Bildung

Letzte Chance für Schulverweigerer

11.10.2011

SANDE Wenn morgens um halb sieben bei Mario in Wilhelmshaven der Wecker klingelt, dann steht der 16-Jährige auf, duscht sich und zieht sich an, frühstückt und fährt ganz selbstverständlich zu seiner neuen Schule in die Nachbargemeinde nach Sande.

Vor wenigen Monaten, als Mario noch in Schortens wohnte, da hat ihn jeden Morgen seine Mutter geweckt. Mürrisch ist Mario aufgestanden, hat sich fertig gemacht – und hat die Schule geschwänzt. Monatelang. „Ich bin pünktlich aus dem Haus gegangen, habe mich irgendwo auf eine Parkbank verdrückt und erst mal eine geraucht. Als meine Eltern zur Arbeit waren, bin ich wieder zurück nach Hause“, sagt Mario. „Ich hatte keinen Bock mehr auf die Lehrer und den ganzen Stress.“

Im letzten Schuljahr war Mario nur einen einzigen Tag in der Schule. Bald schickte die Schulleitung unerfreuliche Briefe. Als das nichts half, hat das Ordnungsamt Geldstrafen verhängt. Es hat alles nichts genützt. Gerichtlich angeordnete Sozialar­beits­stunden wegen fortgesetzten Fortbleibens vom Unterricht folgten. Marios schulischer Totalabsturz schien unaufhaltsam. Dann ergriff er seine letzte Chance.

Neue Perspektiven

Marios letzter Strohhalm heißt „S.u.P.e.R.“-Klasse. Zwei solcher Klassen gibt es an der Oberschule in Sande im Landkreis Friesland. Und „Super“ ist dabei nicht nur die Abkürzung für „Schule und Praxis – ein Regionalprojekt“, sondern vor allem der Einsatz der Lehrer und mehrerer schulischer Partner für bislang schulmüde Jugendliche, damit sie ihren Hauptschulabschluss doch noch packen und sie die Eintrittskarte für eine Zukunft mit Perspektive lösen.

Mario besucht die nach den Sommerferien neu eingerichtete „Super“-Klasse 8c. Dort ist der Junge mit seiner Geschichte keineswegs allein. Rebecca (14), Philipp (17), Romea (15), Timo (13) oder auch Michael (15) haben Ähnliches erlebt. Sie haben chronisch die Schule geschwänzt, sich mit Mitschülern geprügelt, ihnen ins Gesicht gespuckt oder sogar ihre Lehrerin angegriffen.

Rabauken und Schulversager mit ganz schlechter Prognose, bei denen Schu­le irgendwann nur noch Ängste, Aggressionen und eine störrische Verweigerungshaltung produzierte. Sozialverhalten und schulische Leistung an ihren bisherigen Schulen im Kreis Friesland und in der Stadt Wilhelmshaven waren am Ende absolut indiskutabel.

Jetzt stehen die Jugendlichen auf, sobald ihr Lehrer den Klassenraum betritt. „Guten Morgen, Herr Herkens“, grüßen die Achtklässler im Chor, setzen sich auf Kommando und fassen den Stoff der letzten Stunde zusammen. Fächerübergreifend stehen in der „Super“-Klasse der Schule am Falkenweg Politik, Geschichte und Deutsch auf dem Stundenplan. Es geht um das Thema Gewalt. Um ihre Ursachen, Formen, Wirkungen in der Geschichte und in der Gegenwart. Konzentriert arbeiten die Jugendlichen mit. Ermahnungen, besser aufzupassen, gibt es kaum.

Klassenlehrer Wilko Herkens, ein junger Pädagoge von Mitte 30, sowie Rita Grunwald und Melanie Töllner, die als Berufsstartbegleiter die Klasse überwiegend betreuen, ist es in wenigen Monaten gelungen, aus den bereits aufgegebenen Jugendlichen neue selbstbewusste Menschen zu machen, die respektvoll miteinander umgehen und die nicht auf jeden flapsigen Spruch eines Mitschülers mit aggressivem Verhalten antworten.

„Die Problemkinder, die sie noch bis vor kurzem waren, sind auf dem Weg zu Musterschülern“, freut sich Schulleiter Hans-Joachim Vogt, der schon mit ähnlichen Projekten mit noch kryptischeren Abkürzungen an seiner früheren Schule in Schortens erfolgreich war. An zwei Tagen pro Woche arbeiten die Schüler in Betrieben, an den übrigen Tagen wird der Unterrichtsstoff vermittelt.

Dass die Eltern sich früher nicht genug gekümmert hätten, könne man nicht verallgemeinern, sagt Wilko Herkens. Sehr viel öfter sei an den früheren Schulen etwas total schiefgelaufen.

„Wir hatten einen schwierigen Start ins neue Schuljahr“, so der junge Lehrer. „Es war und ist nach wie vor viel pädagogische Arbeit nötig, in der Probleme aufgearbeitet werden und ein Vertrauensverhältnis geschaffen wird.“ Mancher musste in der Anfangsphase des neuen Schuljahres morgens zu Hause von einem Polizisten geweckt werden, erklärt der Schulleiter. Doch die Disziplin und die neu entdeckte Freude an der Schule und am Lernen wachse mit jedem Tag. Die Jugendlichen haben begriffen, dass diese Klasse in Sande ihre letzte Chance ist. Dass sie diese nutzen werden, haben sie in einem Vertrag auf gelbem Tonkarton festgehalten, der hinten im Klassenraum an der Wand hängt. Daneben klebt ein Plakat mit der Aufschrift „Danke für die neue Chance“, das alle unterschrieben haben.

Etliche Schüler müssen noch ihr wegen früherer Vergehen gerichtlich angeordnetes Anti-Gewalt-Training ableisten. Romea, die im vorigen Jahr nur für zwei Monate die Schule besucht hat, hatte sich mit Mitschülern geprügelt, weil die ihre Mutter beleidigt hatten. Auch Pascal aus Varel hatte immer wieder Streit mit seinen Mitschülern. Michael, der aus Köln stammt und bei einer Pflegefamilie im Wangerland lebt, und in den vergangenen drei Jahren drei verschiedene Hauptschulen besucht hat, ist froh, jetzt in der „Super“-Klasse an der Oberschule in Sande zu sein. „Mir macht das Lernen wieder Spaß. Ich will hier meinen Abschluss schaffen und eine Maurerlehre beginnen.“

Große Erfolgsquoten

Die Erfolgsquoten dieses pädagogischen Engagements sind beeindruckend: „Bisher hat jeder Jugendliche, der die SuPeR-Klassen oder die Vorgänger-Projekte besucht hat, seinen Hauptschulabschluss hinbekommen“, berichtet Vogt voll Stolz. Und das seien „echte Abschlüsse“. Den jungen Leuten werde nichts geschenkt. Sie müssen durch das allgemeine Prüfungsverfahren.“ 70 Prozent der Schüler haben im Anschluss auch eine Lehrstelle gefunden.

Diszipliniertes Arbeiten, Umgangsformen, Pünktlichkeit und Verlässlichkeit – das müssen die jungen Leute nun lernen. „Wem das nicht gefällt, geht wieder zurück an seine alte Schule“, so Vogts unmissverständliche Ansage. Doch von Frusterlebnissen wie früher haben die Schüler genug. Sie freuen sich jetzt über erste Erfolgserlebnisse.

„Wir stecken alle in der selben Scheiße“, drückt es Rebecca derbe aus. „Und wir ziehen uns da alle gemeinsam wieder raus“, sagt Mario. Der Rekordschwänzer hat in diesem Jahr noch nicht einen Tag gefehlt. Klassenlehrer Wilko Herkens ist stolz und hofft nur eines: „Hoffentlich muss ich nach den Herbstferien nicht wieder bei Null anfangen.“

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Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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