NORDENHAM - 1969 war er Mitbegründer der Schülerzeitschrift „Ultra”. Zudem leitete er den Filmclub.

von henning bielefeld

NORDENHAM - Verkehrte Welt im Herbst 1970. Während im „Metropol”-Kino der Pennäler Hansi Kraus in der Klamotte „Wir hau'n die Pauker in die Pfanne” den Lehrer Theo Lingen fertig machte, suchten die Nordenhamer Gymnasiasten händeringend nach Lehrern – und fanden sogar Unterstützung beim „Stern”.

1970: Das war die Zeit, in der viele Deutsche mehr Demokratie wagen wollten – auch die Gymnasiasten Christian Schöckel, Harald Wedemeyer und Detlef Zielinsky. 40 Prozent des naturwissenschaftlichen Unterrichts fiel damals aus. Für 39 Lehrer gab es Planstellen, tatsächlich unterrichteten nur 21 Pädagogen. „Wir konnten uns das nicht mehr mit ansehen”, erinnert sich der heute 52-jährige Schöckel.

Deshalb gründete das Trio die Aktion „Schüler suchen Lehrer”. Sie gewannen die Unterstützung der Nordenhamer Zeitungen und trauten sich dann auch an die großen Hamburger Blätter heran. „Wir haben alle großen Redaktionen besucht”, erinnert sich Schöckel. Die „Zeit”, die „Morgenpost” und der „Spiegel” brachten Artikel.

Dem „Stern” reichte das nicht. Das Magazin kam mit einer dreiköpfigen Mannschaft zum Gymnasium, wo die 618 Schüler eilends eine Demonstration organisierten. Die Lehrer demonstrierten auch für mehr Kollegen – aber von Transparenten ließen sie die Finger.

Doch außer einer unvergesslichen Erinnerung für 618 Schüler und einer schönen Geschichte für den „Stern” brachte die größte Demo aller Zeiten am Gymnasium rein gar nichts. Schließlich wurden selbst in Hamburg händeringend Lehrer gesucht.

Die Schüler genossen die Zeit auch ohne neue Lehrer. Christian Schöckel und der – 1999 verstorbene – Harald Wedemeyer brachten die alternative Schülerzeitung „Ultra” heraus, die das offizielle Blatt „pro vobis” verdrängte. Dabei waren sie immer schön aufmüpfig und bewährten sich als Förderer der sexuellen Freizügigkeit. Irgendwann wurde es dem Direktor Johannes Odinga zu bunt und er ließ pikante Stellen mit Plakafarbe schwärzen. „Die Schüler sind mit den frischen Exemplaren sofort zum Klo gerannt und haben die Farbe abgewaschen”, feixt Schöckel.

Ebenfalls eine kleine Revolution war der 1969 vom Unterprimaner Jörg Lindenberg gegründete Filmclub. 1970 übernahm Christian Schöckel die Regie, setzte auf Problem- und Jugendfilme – und hatte Erfolg! Peter Zadeks „Ich bin ein Elefant, Madame”, Roman Polanskis „Tanz der Vampire” und die Westernparodie „Cat Ballou” lockten immer mehr Zuschauer an. Beim Streifen „High – Ein Leben in Anarchie” quetschten sich 180 Zuschauer in einen Klassenraum.

1972 legte Christian Schöckel sein Abitur ab, und obwohl er eigentlich Journalist werden wollte, ließ er sich von seinem Vater, dem Realschulrektor Johannes Schöckel, zum Lehramtsstudium überreden. Heute leitet er die Hauptschule Abbehausen und mischt politisch mit – als Vorsitzender der SPD-Fraktion im Nordenhamer Stadtrat.