NORDENHAM - NORDENHAM - Der Lateinlehrer Gerold Tahden zog die Augenbrauen hoch. „Was? 32 seid ihr?“, fragte er in der ersten Stunde der Oberstufe mit gut gespielter Überraschung. „Das ist mir zu viel. Am Ende des Schuljahres seid ihr nur noch 20.“ 32 Augenpaare, darunter auch meins, schauten ihn entsetzt an.
Denn Tahden hatte gleich zwei Tabus verletzt: Erstens hatte er mit der größten Selbstverständlichkeit darauf hingewiesen, dass es in der Schule immer auch um Auslese geht, und das war damals – wir schrieben den August 1975 – durchaus nicht alltäglich. Und zweitens hatte er uns geduzt – und damit sollte es in der Oberstufe ja eigentlich vorbei sein.
Nach Protest war niemandem zumute, schon gar nicht mir. Nichts lag mir ferner als Rebellion. Ich wollte nicht die Institution oder ihre Vertreter verändern, ich wollte sie nutzen, um einst, nach dem Abitur, ein besseres Leben führen zu können als meine Eltern und deren Vorfahren.
Worin genau dieses Leben bestehen sollte, war mir mit 17 von Herzen unklar. Es sollte nur fernab vom Bauernhof meiner Eltern am Klosterweg verlaufen, auf dem ich seit Jahr und Tag jeden Abend die Kühe füttern und melken musste. Der Beruf eines Studienrats für Deutsch und Geschichte – gerne am Gymnasium Nordenham – erschien mir durchaus erstrebenswert.
Das war mir nicht an der Wiege gesungen worden. Meine Großmutter, die mit auf dem Hof lebte, pflegte zu sagen, es müssten nicht alle „Gelehrte und Studierte“ sein. Nur gut, dass meine Eltern nicht auf sie gehört haben. Sie folgten der Empfehlung meines – früh verstorbenen – Klassenlehrers an der Volksschule Abbehausen, Arndt Früstück, mir den Besuch einer weiterführenden Schule zu ermöglichen. Ab dem 15. August 1967 ging ich zum Gymnasium – als einziger von 47 Schülern aus meiner Volksschulklasse.
Ich kannte niemanden dort, keinen Mitschüler, keinen Lehrer. Alles war riesig, ein wenig bedrohlich – aber auch etwas Besonderes. Aus dem Abbehauser Klassenprimus wurde ein durchschnittlicher Schüler, der sogar zwei Ehrenrunden drehte. Ich war weder besonders faul noch besonders ehrgeizig. Ich sah alles ziemlich locker. Das einzige Fach, in dem ich mit großem Vergnügen deutlich mehr machte, als ich musste, war Geschichte. Und das einzige Fach, das mich wirklich quälte, war Sport. Noch heute macht es mich fassungslos, dass ich mich von diesem durch und durch nichtigen Streber-Fach so habe beeindrucken lassen.
Was Latein anging, machte ich mir keine übertriebenen Sorgen – und in der Tat gehörte ich zu den 20, die am Ende der elften Klasse übrig waren.
Kurz vor dem Abitur erschien es mir sinnvoll, doch noch einmal Nachhilfe zu nehmen. Das fiel mir umso leichter, als ich endlich von der Arbeit im Kuhstall befreit worden war. Und so lernte ich im Januar 1978 Wilhelm Lübben kennen. Der ehemalige Polizeimeister lebte auf einem Bauernhof am Butterburger Weg, und bei allen hieß er „de latinsche Buer“. Er war ein älterer, kultivierter Herr, der die alte Sprache noch mehr liebte als seine Kakteen. Auch er duzte uns.
Lübbens Lehrmethode war so einfach wie genial. Es gebe nur eine gewisse Auswahl an für Lateinarbeiten geeigneten Texten, und die müsse man eben auswendig lernen, sagte er. Was im Latein-Abitur drankommen würde, konnte er nicht ahnen, und so übte er mit mir am Vorabend einen Text von Sallust, dessen erster Satz eine höchst komplizierte Konstruktion enthielt. Wenn ich ihr auf die Schliche käme, meinte er, könne mich nichts mehr schrecken. Ohne seine Hilfe hätte ich sie nie geknackt.
Und was machte ich am nächsten Morgen in der Schule für Augen, als die Abi-Arbeit auf meinem Tisch lag: Es war der Sallust-Text vom Abend zuvor! Locker knackte ich die komplizierte Konstruktion – und bekam eine Zwei. Damit war meine Drei im Latein-Abitur gesichert.
Als wir Lateinschüler uns Wochen später noch einmal in Gerold Tahdens Garten trafen, wusste ich, dass ich Redakteur werden wollte. Gerne in Nordenham.
