NORDENHAM - Die Schule ist Helmut Frerichs' Lebensthema. Das war ihm allerdings nicht in die Wiege gelegt.
von henning bielefeld
NORDENHAM - Französisch? „Das hat mich genervt”, sagt Helmut Frerichs. „Das nervt mich heute noch.” Deshalb zog er als Zehntklässler die Konsequenz und ging vom Gymnasium ab. Er wollte bei AEG in Oldenburg Werkzeugmacher werden. Doch das Leben hatte etwas ganz anderes mit ihm vor.Heute ist der 69-Jährige einer der angesehensten Pädagogen weit und breit, sein Rat wird gern gesucht. In die Wiege gelegt war das dem Bauernsohn aus Frieschenmoor nicht. Der Krieg verschlug einen Oberstudiendirektor und einen Realschullehrer an die Volksschule der Bauerschaft. Dort gaben sie Förderunterricht. Davon hatte Helmut Frerichs zunächst nichts, denn er lag ein halbes Jahr lang im Krankenhaus. Doch er kriegte die Kurve noch – und kam mit zwölf zum Gymnasium Brake.
Nach der Mittelstufe reichte es ihm, doch mit der Lehre bei AEG wurde es nichts. So ging er wohl oder übel zurück zum Gymnasium, wählte Französisch ab, bald auch Englisch, freute sich an Physik, Mathematik, Biologie und Chemie, half selbst in den Sommerferien bei Unterrichtsvorbereitungen und legte 1957 sein Abitur ab – in der festen Überzeugung, ein großer Physiker werden zu können.
Doch bald erkannte er: „Die Schule hatte mich völlig falsch auf das Studium vorbereitet.” Weil er auch als Student mit Vergnügen kleinere Lehrtätigkeiten ausübte, beschloss er Lehrer zu werden. 1968 kam er ans Gymnasium Nordenham, das er schon 1965 als Referendar kennen und schätzen gelernt hatte.
„Zu der Zeit hätte ich überall in Niedersachsen eine Stelle haben können”, sagt Helmut Frerichs. „Aber die Großstadt hat mich nicht gereizt, und es war einfach nett hier.” Doch das war nicht alles: „Direktor Johannes Odinga hat mich unwahrscheinlich beeindruckt. Den bewundere ich heute noch. Er hat die Schule geleitet und uns junge Lehrer gelassen.” Eine Führungsweisheit Odingas hat er sich besonders zu Herzen genommen: „Der eigentliche Vollzug von Autorität ist das Gespräch. Es kann keinen vom Amt begründeten Autoritätsbegriff geben.”
Und so rangen junge und ältere Lehrer in den damaligen bewegten Zeiten um Neuerungen. „Wir haben viel verändert”, bilanziert Frerichs. So habe er sich zusammen mit seinen jungen Kollegen im Konfliktfall auf die Seite der Schüler gestellt.
Anfang der Siebzigerjahre drohte dem Gymnasium Ungemach aus Brake: Die Oberstufen sollten dort zentralisiert werden. Das Nordenhamer Lehrerkollegium brauchte einen Fürsprecher im Stadtrat – und guckte Helmut Frerichs aus. Der schloss sich der SPD an, wurde 1972 gewählt, stieg zum Vorsitzenden des Schulausschusses und zum stellvertretenden Bürgermeister auf. 1973 verfasste er den Schulentwicklungsplan für Nordenham. 1975 gab er die Politik auf, um stellvertretender Schulleiter zu werden. 1982 rückte er – trotz CDU-Landesregierung – zum Schulleiter auf, 1990 wechselte er – wieder unter einer SPD-Regierung – als Abteilungsdirektor zur Bezirksregierung Braunschweig, wo er schließlich der Chef von 86 Dezernenten war.
Doch ob als Schüler, Lehrer, Politiker, Schulleiter oder Abteilungsdirektor: Helmut Frerichs ist immer ein Lernender geblieben. Er streitet dafür, „dass diejenigen, die Visionen und Träume haben, die mit Fantasie und Kreativität, mit Lust und Liebe für die Schüler arbeiten, nicht in Routine erstarren.” Ziel müsse Schatzsuche sein, nicht Defizitfahndung. Und: „Der Lehrer ist nicht der liebe Gott. In jeder Klasse gibt es Schüler, die mehr wissen als er.”
„Schüler, die gerne lernen, lernen viel”, betont Helmut Frerichs. „Ich bin immer optimistisch. Wenn es um junge Leute geht, bin ich dabei.”
