NORDENHAM - NORDENHAM - Vom oberbayerischen Traunstein aus gesehen ist Nordenham weit weg. Und es ist mehr als 40 Jahre her, als Joachim Bödeker, der heute als Studiendirektor in Traunstein wirkt, das Gymnasium Nordenham besuchte. Doch einige Erinnerungen lassen ihn nicht los.

Eine Geschichte hat Bödeker unter dem Titel „Kunstunterricht vor der Revolution oder Kritik an Lehrern” zu Papier gebracht; sie spielt 1962. Es geht um die Ungleichheit von Lehrern und Schülern bei der Einhaltung von Pflichten und um Bödekers Auflehnung dagegen. Für den gebürtigen Nordenhamer, der 1955 bis 1964 das Gymnasium besuchte, war damals das Abitur schon in Sichtweite; er war 17 Jahre alt.

„Zu meiner Schulzeit erteilten die Studienräte Kurt Lemke aus Schneidemühl/Pommern und Dietrich Voigt Kunstunterricht am Gymnasium Nordenham”, schreibt Bödeker. Beide hatten in der Nachkriegszeit studiert und mussten in den Sechzigerjahren in der Nordenhamer Kulturszene „gegen das Ideal ihres Vorgängers Rudolf Matthis ankämpfen, der der gegenständlichen Kunst verschrieben war und dort durchaus seine Erfolge hatte.” Sogar ein Platz wurde nach ihm benannt.

„Die Künstler Lemke und Voigt führten ihr Eigenleben in dem schönen Atelier und in dem großen Zeichensaal”, schildert Bödeker. „Beide entsprachen nicht so ganz dem oldenburgischen, niedersächsischen oder gar preußischen Beamten.”

Zusammen mit seinem besten Freund Gerrit Meiners – er ist im vergangenen Jahr verstorben – hatte Joachim Bödeker einen Stammplatz in der ersten Reihe des Zeichensaals. „Studienrat Dietrich Voigt kam zu spät”, schildert Bödeker. „Gerrit und ich arbeiteten an unserem Kartoffeldruck weiter und fragten uns wie immer in einer Art Quiz nach Ländern, Politikern, Flüssen, Städten, Komikern ab, setzten aber immer unsere Druck- oder Malarbeit fort. Inzwischen betrat Studienrat Voigt nicht aus dem Atelier, sondern von der Treppe seinen Unterrichtsraum, stellte sich vor die Klasse zur Begrüßung, die zum damaligen Ritual gehörte. Ich wollte weiterhin meine Kartoffeldrucke machen, nicht aufstehen, nicht begrüßen und sagte den verhängnisvollen Satz: ,Die Zeiten sind vorbei'.”

Diesen unerhörten Vorgang notierte der Kunsterzieher im Klassenbuch. „Pflichtgemäß musste das der Schulleiter Alfred Meyne lesen und vorschriftsgemäß handeln”, schreibt Joachim Bödeker. „Ich hatte Gott sei Dank einen Anwalt in Person meines Klassenlehrers August Fortmann zur Seite, der auf Freispruch plädierte. Das Urteil Meynes war dennoch salomonisch: Bödeker muss mit Herrn Voigt eine halbe Stunde über Revolutionen im Allgemeinen auf dem Sportplatz hinter der Turnhalle diskutieren und unterliegt der Schweigepflicht eines Schülers.