OLDENBURG - Analphabeten leiden unter starkem psychischen Druck. Der Staat ignoriert das große Problem weitgehend.
Von Jörg Nielsen
OLDENBURG - Das Unbehagen an zu vielen Buchstaben bleibt. Eine Zeitung oder die Karte im Restaurant war für Brigitte van der Velde (54) nur eine sinnlose Reihe von Zeichen. „Immer sitzt einem die Angst im Nacken, irgendjemand merkt, dass du weder lesen noch schreiben kannst.“ Als sie nach 25 Jahren im Betrieb befördert wird, kündigt sie aus Scham und Furcht vor Demütigungen. „Ich hätte lesen und schreiben müssen. Dann hätten es alle gewusst“, sagt sie.Experten zufolge geht es vier Millionen Deutschen so, obwohl sie neun Jahre lang die Schule besucht haben. Für van der Velde ist die Zeit der Verstellungen und des psychischen Drucks vorbei. „Erst mit 45 Jahren habe ich erfahren, dass es anderen auch so geht und ich etwas dagegen tun kann“, sagt sie verbittert. In der Oldenburger Volkshochschule (VHS) besucht sie seit neun Jahren an zwei Abenden in der Woche die Alphabetisierungskurse, die hier seit 25 Jahren angeboten werden.
VHS-Dozent Achim Scholz kennt die schweißtreibenden Ängste von Analphabeten. Fast alle seiner Schüler fühlten sich vor den Kursen isoliert und glaubten, mit ihrem Problem allein zu sein. „Die Furcht, jemand könnte ihre Schwäche entdecken, wird lebensbestimmend. Sie alle sind Meister im Vermeiden brenzliger Situationen.“
Tatsächlich ist diese Angst so groß, dass bundesweit jährlich nur 20 000 Menschen im Alter zwischen 17 und 70 Jahren den entscheidenden Schritt wagen und in einer VHS lesen und schreiben lernen, sagt Marion Döbert vom „Bundesverband Alphabetisierung e.V.“ in Münster. 98 Prozent aller Alphabetisierungskurse werden von Volkshochschulen angeboten. „Der Staat ignoriert das Problem weitgehend“, kritisiert die Diplom-Pädagogin. Im Gegensatz zu fast allen Nachbarstaaten gibt es in Deutschland keine staatlichen Programme gegen Analphabetismus, ja nicht einmal offizielle Zahlen. „Nach Meinung der Kultusminister kann jeder lesen und schreiben, der neun Jahre lang die Schule besucht hat. Aber wir wissen es aus der Praxis besser“, sagt Döbert.
Selbst unter Lehrern sei Analphabetismus in der Schule ein Tabu. Schüler, die in den ersten Klassen den Anschluss verlieren, holten das Versäumte in der ganzen Schullaufbahn nicht mehr auf. „Diese Leute haben erst als Erwachsene in der VHS wieder eine Chance, wenn der Leidensdruck ihnen hilft, ihre Scham zu überwinden“, weiß Döbert. Ohne die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben haben sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr.
Brigitte van der Velde hat zwar noch keinen neuen Arbeitsplatz gefunden, doch sie ist zufrieden. „Für mich hat ein neues Leben begonnen“, sagt sie. Bei Tagungen der VHS bietet sie mittlerweile selbst Workshops an. Außerdem schreibt sie Gedichte und Kurzgeschichten, von denen einige sogar schon in Schulbüchern für Analphabeten abgedruckt wurden.
Informationen über Alphabetisierungskurse gibt es unter 0251/53 33 44.
Informationen auch unter
www.alphabetisierung.de und www.ich-will-schreiben-lernen.de.
